G.W.F.
Hegel
Wer denkt abstrakt? (1807)
[575/2]
Denken? Abstrakt? – Sauve qui peut! Rette sich, wer kann! So höre
ich schon einen vom Feinde erkauften Verräter ausrufen, der diesen
Aufsatz dafür ausschreit, daß hier von Metaphysik die Rede
sein werde. Denn Metaphysik ist das Wort, wie abstrakt und beinahe auch
Denken, ist das Wort, vor dem jeder mehr oder minder wie vor einem mit
der Pest Behafteten davonläuft.
Es ist aber nicht so bös gemeint, daß, was denken und was
abstrakt sei, hier erklärt werden sollte. Der schönen Welt
ist nichts so unerträglich als das Erklären. Mir selbst ist
es schrecklich genug, wenn einer zu erklären anfängt, denn
zur Not verstehe ich alles selbst. Hier zeigte sich die Erklärung
des Denkens und des Abstrakten ohnehin schon als völlig
überflüssig; denn gerade nur, weil die schöne Welt schon
weiß, was das Abstrakte ist, flieht sie davor. Wie man das nicht
begehrt, was man nicht kennt, so kann man es auch nicht hassen.
Auch wird es nicht darauf angelegt, hinterlistigerweise die schöne
Welt mit dem Denken oder dem Abstrakten versöhnen zu wollen; etwa
daß unter dem Scheine einer leichten Konversation das Denken und
das Abstrakte eingeschwärzt werden sollte, so daß es
unbekannterweise, und ohne eben einen Abscheu erweckt zu haben, sich in
die Gesellschaft eingeschlichen [hätte] und gar von der
Gesellschaft selbst unmerklich hereingezogen oder, wie die Schwaben
sich ausdrücken, hereingezäunselt worden wäre und nun
der Autor dieser Verwicklung diesen sonst fremden Gast, nämlich
das [576/2] Abstrakte, aufdeckte, den die ganze Gesellschaft unter
einem anderen Titel als einen guten Bekannten behandelt und anerkannt
hätte. Solche Erkennungsszenen, wodurch die Welt wider Willen
belehrt werden soll, haben den nicht zu entschuldigenden Fehler an
sich, daß sie zugleich beschämen und der Machinist sich
einen kleinen Ruhm erkünsteln wollte, so daß jene
Beschämung und diese Eitelkeit die Wirkung aufheben, denn sie
stoßen eine um diesen Preis erkaufte Belehrung vielmehr wieder
hinweg.
Ohnehin wäre die Anlegung eines solchen Planes schon verdorben;
denn zu seiner Ausführung wird erfordert, daß das Wort des
Rätsels nicht zum voraus ausgesprochen sei. Dies ist aber durch
die Aufschrift schon geschehen; in dieser, wenn dieser Aufsatz mit
solcher Hinterlist umginge, hätten die Worte nicht gleich von
Anfang auftreten dürfen, sondern, wie der Minister in der
Komödie, das ganze Spiel hindurch im Überrocke herumgehen und
erst in der letzten Szene ihn aufknöpfen und den Stern der
Weisheit herausblitzen lassen müssen. Die Aufknöpfung eines
metaphysischen Oberrocks nähme sich hier nicht einmal so gut aus
wie die Aufknöpfung des ministeriellen, denn was jene an den Tag
brächte, wäre weiter nichts als ein paar Worte; denn das
Beste vom Spaße sollte ja eigentlich darin liegen, daß es
sich zeigte, daß die Gesellschaft längst im Besitze der
Sache selbst war; sie gewönne also am Ende nur den Namen,
dahingegen der Stern des Ministers etwas Reelleres, einen Beutel mit
Geld, bedeutet.
Was Denken, was abstrakt ist – daß dies jeder Anwesende wisse,
wird in guter Gesellschaft vorausgesetzt, und in solcher befinden wir
uns. Die Frage ist allein danach, wer es sei, der abstrakt denke. Die
Absicht ist, wie schon erinnert, nicht die, sie mit diesen Dingen zu
versöhnen, ihr zuzumuten, sich mit etwas Schwerem abzugeben, ihr
ins Gewissen darüber zu reden, daß sie leichtsinnigerweise
so etwas vernachlässige, [577/2] was für ein mit der Vernunft
begabtes Wesen rang- und standesgemäß sei. Vielmehr ist die
Absicht, die schöne Welt mit sich selbst darüber zu
versöhnen, wenn sie sich anders eben nicht ein Gewissen über
diese Vernachlässigung macht, aber doch vor dem abstrakten Denken
als vor etwas Hohem einen gewissen Respekt wenigstens innerlich hat und
davon wegsieht, nicht weil es ihr zu gering, sondern weil es ihr zu
hoch, nicht weil es zu gemein, sondern zu vornehm, oder umgekehrt, weil
es ihr eine Espèce, etwas Besonderes zu sein scheint, etwas,
wodurch man nicht in der allgemeinen Gesellschaft sich auszeichnet, wie
durch einen neuen Putz, sondern wodurch man sich vielmehr, wie durch
ärmliche Kleidung oder auch durch reiche, wenn sie auch aus alt
gefaßten Edelsteinen oder einer noch so reichen Stickerei
besteht, die aber längst chinesisch geworden ist, von der
Gesellschaft ausschließt oder sich darin lächerlich macht.
Wer denkt abstrakt? Der ungebildete Mensch, nicht der gebildete. Die
gute Gesellschaft denkt darum nicht abstrakt, weil es zu leicht ist,
weil es zu niedrig ist, niedrig nicht dem äußeren Stande
nach, nicht aus einem leeren Vornehmtun, das sich über das
wegzusetzen stellt, was es nicht vermag, sondern wegen der inneren
Geringheit der Sache.
Das Vorurteil und die Achtung für das abstrakte Denken ist so
groß, daß feine Nasen hier eine Satire oder Ironie zum
vorauswittern werden; allein, da sie Leser des Morgenblattes sind,
wissen sie, daß auf eine Satire ein Preis gesetzt ist und
daß ich also ihn lieber zu verdienen glauben und darum
konkurrieren als hier schon ohne weiteres meine Sachen hergeben
würde.
Ich brauche für meinen Satz nur Beispiele anzuführen, von
denen Jedermann zugestehen wird, daß sie ihn enthalten. Es wird
also ein Mörder zur Richtstätte geführt. Dem gemeinen
Volke ist er nichts weiter als ein Mörder. Damen machen [578/2]
vielleicht die Bemerkung, daß er ein kräftiger,
schöner, interessanter Mann ist. Jenes Volk findet die Bemerkung
entsetzlich: was, ein Mörder schön? wie kann [man] so
schlechtdenkend sein und einen Mörder schön nennen; ihr seid
auch wohl etwas nicht viel Besseres! Dies ist die Sittenverderbnis, die
unter den vornehmen Leuten herrscht, setzt vielleicht der Priester
hinzu, der den Grund der Dinge und die Herzen kennt.
Ein Menschenkenner sucht den Gang auf, den die Bildung des Verbrechers
genommen, findet in seiner Geschichte schlechte Erziehung, schlechte
Familienverhältnisse des Vaters und der Mutter, irgendeine
ungeheure Härte bei einem leichteren Vergehen dieses Menschen, die
ihn gegen die bürgerliche Ordnung erbitterte, eine erste
Rückwirkung dagegen, die ihn daraus vertrieb und es ihm jetzt nur
durch Verbrechen sich noch zu erhalten möglich machte. – Es kann
wohl Leute geben, die, wenn sie solches hören, sagen werden: der
will diesen Mörder entschuldigen! Erinnere ich mich doch, in
meiner Jugend einen Bürgermeister klagen gehört [zu haben],
daß es die Bücherschreiber zu weit treiben und Christentum
und Rechtschaffenheit ganz auszurotten suchen; es habe einer eine
Verteidigung des Selbstmordes geschrieben; schrecklich, gar zu
schrecklich! – Es ergab sich aus weiterer Nachfrage, daß Werthers
Leiden verstanden waren.
Dies heißt abstrakt gedacht, in dem Mörder nichts als dies
Abstrakte, daß er ein Mörder ist, zu sehen und durch diese
einfache Qualität alles übrige menschliche Wesen an ihm [zu]
vertilgen. Ganz anders eine feine, empfindsame Leipziger Welt. Sie
bestreute und beband das Rad und den Verbrecher, der darauf geflochten
war, mit Blumenkränzen. – Dies ist aber wieder die
entgegengesetzte Abstraktion. Die Christen mögen wohl
Rosenkreuzerei oder vielmehr Kreuzroserei [579/2] treiben, das Kreuz
mit Rosen umwinden. Das Kreuz ist der längst geheiligte Galgen und
Rad. Es hat seine einseitige Bedeutung, das Werkzeug entehrender Strafe
zu sein, verloren und kennt im Gegenteil die Vorstellung des
höchsten Schmerzes und der tiefsten Verwerfung, zusammen mit der
freudigsten Wonne und göttlicher Ehre. Hingegen das Leipziger
[Kreuz], mit Veilchen und Klatschrosen eingebunden, ist eine
Kotzebuesche Versöhnung, eine Art liederlicher
Verträglichkeit der Empfindsamkeit mit dem Schlechten.
Ganz anders hörte ich einst eine gemeine alte Frau, ein
Spitalweib, die Abstraktion des Mörders töten und ihn zur
Ehre lebendig machen. Das abgeschlagene Haupt war aufs Schaffot gelegt,
und es war Sonnenschein; wie doch so schön, sagte sie, Gottes
Gnadensonne Binders Haupt beglänzt! – Du bist nicht wert,
daß dich die Sonne bescheint, sagt man zu einem Wicht, über
den man sich erzürnt. Jene Frau sah, daß der Mörderkopf
von der Sonne beschienen wurde und es also auch noch wert war. Sie
erhob ihn von der Strafe des Schaffots in die Sonnengnade Gottes,
brachte nicht durch ihre Veilchen und ihre empfindsame Eitelkeit die
Versöhnung zustande, sondern sah in der höheren Sonne ihn zu
Gnaden aufgenommen.
Alte, ihre Eier sind faul, sagt die Einkäuferin zur
Hökersfrau. Was, entgegnet diese, meine Eier faul? Sie mag mir
faul sein! Sie soll mir das von meinen Eiern sagen? Sie? Haben ihren
Vater nicht die Läuse an der Landstraße aufgefressen, ist
nicht ihre Mutter mit den Franzosen fortgelaufen und ihre
Großmutter im Spital gestorben, – schaff sie sich für ihr
Flitterhalstuch ein ganzes Hemd an; man weiß wohl, wo sie dies
Halstuch und ihre Mützen her hat; wenn die Offiziere nicht
wären, war jetzt manche nicht so geputzt, und wenn die
gnädigen Frauen mehr auf ihre Haushaltung sähen,
säße manche im Stockhause, – flick sie sich nur die
Löcher in den Strümpfen! – Kurz, sie läßt keinen
guten Faden an ihr. Sie denkt abstrakt und subsumiert sie nach
Halstuch, [580/2] Mütze, Hemd usf. wie nach den Fingern und
anderen Partien, auch nach [dem/2] Vater und der ganzen Sippschaft,
ganz allein unter das Verbrechen, daß sie die Eier faul gefunden
hat; alles an ihr ist durch und durch mit diesen faulen Eiern
gefärbt, dahingegen jene Offiziere, von denen die Hökersfrau
sprach – wenn anders, wie sehr zu zweifeln, etwas daran ist –, ganz
andere Dinge an ihr zu sehen bekommen mögen.
Um von der Magd auf den Bedienten zu kommen, so ist kein Bedienter
schlechter daran als bei einem Manne von wenigem Stande und wenigem
Einkommen, und um so besser daran, je vornehmer sein Herr ist. Der
gemeine Mensch denkt wieder abstrakter, er tut vornehm gegen den
Bedienten und verhält sich zu diesem nur als zu einem Bedienten;
an diesem einen Prädikate hält er fest. Am besten befindet
sich der Bediente bei den Franzosen. Der vornehme Mann ist
familiär mit dem Bedienten, der Franzose sogar gut Freund mit ihm;
dieser führt, wenn sie allein sind, das große Wort, man sehe
Diderots Jacques et son maître, der Herr tut nichts als
Prisen-Tabak nehmen und nach der Uhr sehen und läßt den
Bedienten in allem Übrigen gewähren. Der vornehme Mann
weiß, daß der Bediente nicht nur Bedienter ist, sondern
auch die Stadtneuigkeiten weiß, die Mädchen kennt, gute
Anschläge im Kopfe hat; er fragt ihn darüber, und der
Bediente darf sagen, was er über das weiß, worüber der
Prinzipal frug. Beim französischen Herrn darf der Bediente nicht
nur dies, sondern auch die Materie aufs Tapet bringen, seine Meinung
haben und behaupten, und wenn der Herr etwas will, so geht es nicht mit
Befehl, sondern er muß dem Bedienten zuerst seine Meinung
einräsonieren und ihm ein gutes Wort darum geben, daß seine
Meinung die Oberhand behält.
Im Militär kommt derselbe Unterschied vor; beim preußischen
kann der Soldat geprügelt werden, er ist also eine [581/2]
Kanaille; denn was geprügelt zu werden das passive Recht hat, ist
eine Kanaille. So gilt der gemeine Soldat dem Offizier für dies
Abstraktum eines prügelbaren Subjekts, mit dem ein Herr, der
Uniform und Porte d'épée hat, sich abgeben muß, und
das ist, um sich dem Teufel zu ergeben.