G.W.F.
Hegel
Phänomenologie des
Geistes(1807)
Es ist eine
natürliche Vorstellung, daß, eh in der Philosophie an die
Sache selbst, nämlich an das wirkliche Erkennen dessen, was in
Wahrheit ist, gegangen wird, es notwendig sei, vorher über das
Erkennen sich zu verständigen, das als das Werkzeug, wodurch man
des Absoluten sich bemächtige, oder als das Mittel, durch welches
hindurch man es erblicke, betrachtet wird. Die Besorgnis scheint
gerecht, teils daß es verschiedene Arten der Erkenntnis geben,
und darunter eine geschickter als eine andere zur Erreichung dieses
Endzwecks sein möchte, hiemit durch falsche Wahl unter ihnen, –
teils auch daß, indem das Erkennen ein Vermögen von
bestimmter Art und Umfange ist, ohne die genauere Bestimmung seiner
Natur und Grenze Wolken des Irrtums statt des Himmels der Wahrheit
erfaßt werden. Diese Besorgnis muß sich wohl sogar in die
Überzeugung verwandeln, daß das ganze Beginnen, dasjenige,
was An-sich ist, durch das Erkennen dem Bewußtsein zu erwerben,
in seinem Begriffe widersinnig sei, und zwischen das Erkennen und das
Absolute eine sie schlechthin scheidende Grenze falle. Denn ist das
Erkennen das Werkzeug, sich des absoluten Wesens zu bemächtigen,
so fällt sogleich auf, daß die Anwendung eines Werkzeugs auf
eine Sache sie vielmehr nicht läßt, wie sie für sich
ist, sondern eine Formierung und Veränderung mit ihr vornimmt.
Oder ist das Erkennen nicht Werkzeug unserer Tätigkeit, sondern
gewissermaßen ein passives Medium, durch welches hindurch das
Licht der Wahrheit an uns gelangt, so erhalten wir auch so sie nicht,
wie sie an sich, sondern wie sie durch und in diesem Medium ist. Wir
gebrauchen in beiden Fällen ein Mittel, welches unmittelbar das
Gegenteil seines Zwecks hervorbringt; oder das Widersinnige ist
vielmehr, daß wir uns überhaupt eines Mittels bedienen. Es
scheint zwar, daß diesem Übelstande durch die Kenntnis der
Wirkungsweise des Werkzeugs abzuhelfen steht, denn sie macht es
möglich, den Teil, welcher in der Vorstellung, die wir durch es
vom Absoluten erhalten, dem Werkzeuge angehört, im Resultate
abzuziehen, und so das Wahre rein zu erhalten. Allein, diese
Verbesserung würde uns in der Tat nur dahin zurückbringen, wo
wir vorher waren. Wenn wir von einem formierten Dinge das wieder
wegnehmen, was das Werkzeug daran getan hat, so ist uns das Ding – hier
das Absolute – gerade wieder so viel als vor dieser somit
überflüssiger Bemühung. Sollte das Absolute durch das
Werkzeug uns nur überhaupt näher gebracht werden, ohne etwas
an ihm zu verändern, wie etwa durch die Leimrute der Vogel, so
würde es wohl, wenn es nicht an und für sich schon bei uns
wäre und sein wollte, dieser List spotten; denn eine List
wäre in diesem Falle das Erkennen, da es durch sein vielfaches
Bemühen ganz etwas anderes zu treiben sich die Miene gibt, als nur
die unmittelbare und somit mühelose Beziehung hervorzubringen.
Oder wenn die Prüfung des Erkennens, das wir als ein Medium uns
vorstellen, uns das Gesetz seiner Strahlenbrechung kennen lehrt, so
nützt es ebenso nichts, sie im Resultate abzuziehen; denn nicht
das Brechen des Strahls, sondern der Strahl selbst, wodurch die
Wahrheit uns berührt, ist das Erkennen, und dieses abgezogen,
wäre uns nur die reine Richtung oder der leere Ort bezeichnet
worden.
Inzwischen wenn die Besorgnis, in Irrtum zu geraten, ein
Mißtrauen in die Wissenschaft setzt, welche ohne dergleichen
Bedenklichkeiten ans Werk selbst geht und wirklich erkennt, so ist
nicht abzusehen, warum nicht umgekehrt ein Mißtrauen in dies
Mißtrauen gesetzt und besorgt werden soll, daß diese Furcht
zu irren schon der Irrtum selbst ist. In der Tat setzt sie etwas, und
zwar manches, als Wahrheit voraus, und stützt darauf ihre
Bedenklichkeiten und Konsequenzen, was selbst vorher zu prüfen
ist, ob es Wahrheit sei. Sie setzt nämlich Vorstellungen von dem
Erkennen als einem Werkzeuge und Medium, auch einen Unterschied unserer
selbst von diesem Erkennen voraus; vorzüglich aber dies, daß
das Absolute auf einer Seite stehe, und das Erkennen auf der andern
Seite für sich und getrennt von dem Absoluten doch etwas Reelles,
oder hiemit, daß das Erkennen, welches, indem es außer dem
Absoluten, wohl auch außer der Wahrheit ist, doch wahrhaft sei;
eine Annahme, wodurch das, was sich Furcht vor dem Irrtume nennt, sich
eher als Furcht vor der Wahrheit zu erkennen gibt.
Diese Konsequenz ergibt sich daraus, daß das Absolute allein
wahr, oder das Wahre allein absolut ist. Sie kann abgelehnt werden,
durch den Unterschied, daß ein Erkennen, welches zwar nicht, wie
die Wissenschaft will, das Absolute erkennt, doch auch wahr; und das
Erkennen überhaupt, wenn es dasselbe zu fassen zwar unfähig
sei, doch anderer Wahrheit fähig sein könne. Aber wir sehen
nachgerade, daß solches Hinundherreden auf einen trüben
Unterschied zwischen einem absoluten Wahren und einem sonstigen Wahren
hinausläuft, und das Absolute, das Erkennen, und so fort, Worte
sind, welche eine Bedeutung voraussetzen, um die zu erlangen es erst zu
tun ist.
Statt mit dergleichen unnützen Vorstellungen und Redensarten von
dem Erkennen als einem Werkzeuge, des Absoluten habhaft zu werden, oder
als einem Medium, durch das hindurch wir die Wahrheit erblicken und so
fort – Verhältnisse, worauf wohl alle diese Vorstellungen von
einem Erkennen, das vom Absoluten, und einem Absoluten, das von dem
Erkennen getrennt ist, hinauslaufen –, statt mit den Ausreden, welche
das Unvermögen der Wissenschaft aus der Voraussetzung solcher
Verhältnisse schöpft, um von der Mühe der Wissenschaft
zugleich sich zu befreien, und zugleich sich das Ansehen eines
ernsthaften und eifrigen Bemühens zu geben, sowie statt mit
Antworten auf alles dieses sich herumzuplacken, könnten sie als
zufällige und willkürliche Vorstellungen geradezu verworfen,
und der damit verbundne Gebrauch von Worten als dem Absoluten, dem
Erkennen, auch dem Objektiven und Subjektiven, und unzähligen
andern, deren Bedeutung als allgemein bekannt vorausgesetzt wird, sogar
als Betrug angesehen werden. Denn das Vorgeben, teils daß ihre
Bedeutung allgemein bekannt ist, teils auch, daß man selbst ihren
Begriff hat, scheint eher nur die Hauptsache ersparen zu sollen,
nämlich diesen Begriff zu geben. Mit mehr Recht dagegen
könnte die Mühe gespart werden, von solchen Vorstellungen und
Redensarten, wodurch die Wissenschaft selbst abgewehrt werden soll,
überhaupt Notiz zu nehmen, denn sie machen nur eine leere
Erscheinung des Wissens aus, welche vor der auftretenden Wissenschaft
unmittelbar verschwindet. Aber die Wissenschaft darin, daß sie
auftritt, ist sie selbst eine Erscheinung; ihr Auftreten ist noch nicht
sie in ihrer Wahrheit ausgeführt und ausgebreitet. Es ist hiebei
gleichgültig, sich vorzustellen, daß sie die Erscheinung
ist, weil sie neben anderem auftritt, oder jenes andere unwahre Wissen
ihr Erscheinen zu nennen. Die Wissenschaft muß sich aber von
diesem Scheine befreien; und sie kann dies nur dadurch, daß sie
sich gegen ihn wendet. Denn sie kann ein Wissen, welches nicht wahrhaft
ist, weder als eine gemeine Ansicht der Dinge nur verwerfen, und
versichern, daß sie eine ganz andere Erkenntnis und jenes Wissen
für sie gar nichts ist; noch sich auf die Ahndung eines bessern in
ihm selbst berufen. Durch jene Versicherung erklärte sie ihr Sein
für ihre Kraft; aber das unwahre Wissen beruft sich ebenso darauf,
daß es ist, und versichert, daß ihm die Wissenschaft nichts
ist; ein trockenes Versichern gilt aber gerade soviel als ein anderes.
Noch weniger kann sie sich auf die bessere Ahndung berufen, welche in
dem nicht wahrhaften Erkennen vorhanden, und in ihm selbst die
Hinweisung auf sie sei; denn einesteils beriefe sie sich ebenso wieder
auf ein Sein; andernteils aber auf sich, als auf die Weise, wie sie im
nicht wahrhaften Erkennen ist, das heißt, auf eine schlechte
Weise ihres Seins, und auf ihre Erscheinung vielmehr als darauf, wie
sie an und für sich ist. Aus diesem Grunde soll hier die
Darstellung des erscheinenden Wissens vorgenommen werden.
Weil nun diese Darstellung nur das erscheinende Wissen zum Gegenstande
hat, so scheint sie selbst nicht die freie, in ihrer
eigentümlichen Gestalt sich bewegende Wissenschaft zu sein,
sondern sie kann von diesem Standpunkte aus, als der Weg des
natürlichen Bewußtseins, das zum wahren Wissen dringt,
genommen werden; oder als der Weg der Seele, welche die Reihe ihrer
Gestaltungen, als durch ihre Natur ihr vorgesteckter Stationen,
durchwandert, daß sie sich zum Geiste läutere, indem sie
durch die vollständige Erfahrung ihrer selbst zur Kenntnis
desjenigen gelangt, was sie an sich selbst ist.
Das natürliche Bewußtsein wird sich erweisen, nur Begriff
des Wissens, oder nicht reales Wissen zu sein. Indem es aber
unmittelbar sich vielmehr für das reale Wissen hält, so hat
dieser Weg für es negative Bedeutung, und ihm gilt das vielmehr
für Verlust seiner selbst, was die Realisierung des Begriffs ist;
denn es verliert auf diesem Wege seine Wahrheit. Er kann deswegen als
der Weg des Zweifels angesehen werden, oder eigentlicher als Weg der
Verzweiflung; auf ihm geschieht nämlich nicht das, was unter
Zweifeln verstanden zu werden pflegt, ein Rütteln an dieser oder
jener vermeinten Wahrheit, auf welches ein gehöriges
Wiederverschwinden des Zweifels und eine Rückkehr zu jener
Wahrheit erfolgt, so daß am Ende die Sache genommen wird wie
vorher. Sondern er ist die bewußte Einsicht in die Unwahrheit des
erscheinenden Wissens, dem dasjenige das Reellste ist, was in Wahrheit
vielmehr nur der nichtrealisierte Begriff ist. Dieser sich
vollbringende Skeptizismus ist darum auch nicht dasjenige, womit wohl
der ernsthafte Eifer um Wahrheit und Wissenschaft sich für diese
fertig gemacht und ausgerüstet zu haben wähnt; nämlich
mit dem Vorsatze, in der Wissenschaft auf die Autorität sich den
Gedanken anderer nicht zu ergeben, sondern alles selbst zu prüfen
und nur der eigenen Überzeugung zu folgen, oder besser noch, alles
selbst zu produzieren und nur die eigne Tat für das Wahre zu
halten. Die Reihe seiner Gestaltungen, welche das Bewußtsein auf
diesem Wege durchläuft, ist vielmehr die ausführliche
Geschichte der Bildung des Bewußtseins selbst zur Wissenschaft.
Jener Vorsatz stellt die Bildung in der einfachen Weise des Vorsatzes
als unmittelbar abgetan und geschehen vor; dieser Weg aber ist gegen
diese Unwahrheit die wirkliche Ausführung. Der eigenen
Überzeugung folgen ist allerdings mehr als sich der Autorität
ergeben; aber durch die Verkehrung des Dafürhaltens aus
Autorität in Dafürhalten aus eigener Überzeugung ist
nicht notwendig der Inhalt desselben geändert und an die Stelle
des Irrtums Wahrheit getreten. Auf die Autorität anderer oder aus
eigener Überzeugung im Systeme des Meinens und des Vorurteils zu
stecken, unterscheidet sich voneinander allein durch die Eitelkeit,
welche der letztern Weise beiwohnt. Der sich auf den ganzen Umfang des
erscheinenden Bewußtseins richtende Skeptizismus macht dagegen
den Geist erst geschickt zu prüfen, was Wahrheit ist, indem er
eine Verzweiflung an den sogenannten natürlichen Vorstellungen,
Gedanken und Meinungen zustande bringt, welche es gleichgültig
ist, eigene oder fremde zu nennen, und mit welchen das
Bewußtsein, das geradezu ans Prüfen geht, noch erfüllt
und behaftet, dadurch aber in der Tat dessen unfähig ist, was es
unternehmen will.
Die Vollständigkeit der Formen des nicht realen Bewußtseins
wird sich durch die Notwendigkeit des Fortganges und Zusammenhanges
selbst ergeben. Um dies begreiflich zu machen, kann im allgemeinen zum
Voraus bemerkt werden, daß die Darstellung des nicht wahrhaften
Bewußtseins in seiner Unwahrheit nicht eine bloß negative
Bewegung ist. Eine solche einseitige Ansicht hat das natürliche
Bewußtsein überhaupt von ihr; und ein Wissen, welches diese
Einseitigkeit zu seinem Wesen macht, ist eine der Gestalten des
unvollendeten Bewußtseins, welche in den Verlauf des Weges selbst
fällt, und darin sich darbieten wird. Sie ist nämlich der
Skeptizismus, der in dem Resultate nur immer das reine Nichts sieht,
und davon abstrahiert, daß dies Nichts bestimmt das Nichts dessen
ist, woraus es resultiert. Das Nichts ist aber nur, genommen als das
Nichts dessen, woraus es herkömmt, in der Tat das wahrhafte
Resultat; es ist hiemit selbst ein bestimmtes und hat einen Inhalt. Der
Skeptizismus, der mit der Abstraktion des Nichts oder der Leerheit
endigt, kann von dieser nicht weiter fortgehen, sondern muß es
erwarten, ob, und was ihm etwas Neues sich darbietet, um es in
denselben leeren Abgrund zu werfen. Indem dagegen das Resultat, wie es
in Wahrheit ist, aufgefaßt wird, als bestimmte Negation, so ist
damit unmittelbar eine neue Form entsprungen, und in der Negation der
Übergang gemacht, wodurch sich der Fortgang durch die
vollständige Reihe der Gestalten von selbst ergibt.
Das Ziel aber ist dem Wissen ebenso notwendig als die Reihe des
Fortganges gesteckt; es ist da, wo es nicht mehr über sich selbst
hinauszugehen nötig hat, wo es sich selbst findet, und der Begriff
dem Gegenstande, der Gegenstand dem Begriffe entspricht. Der Fortgang
zu diesem Ziele ist daher auch unaufhaltsam, und auf keiner
frühern Station Befriedigung zu finden. Was auf ein
natürliches Leben beschränkt ist, vermag durch sich selbst
nicht über sein unmittelbares Dasein hinauszugehen; aber es wird
durch ein anderes darüber hinausgetrieben, und dies
Hinausgerissenwerden ist sein Tod. Das Bewußtsein aber ist
für sich selbst sein Begriff, dadurch unmittelbar das Hinausgehen
über das Beschränkte, und, da ihm dies Beschränkte
angehört, über sich selbst; mit dem Einzelnen ist ihm
zugleich das Jenseits gesetzt, wäre es auch nur, wie im
räumlichen Anschauen, neben dem Beschränkten. Das
Bewußtsein leidet also diese Gewalt, sich die beschränkte
Befriedigung zu verderben, von ihm selbst. Bei dem Gefühle dieser
Gewalt mag die Angst vor der Wahrheit wohl zurücktreten, und sich
dasjenige, dessen Verlust droht, zu erhalten streben. Sie kann aber
keine Ruhe finden; es sei, daß sie in gedankenloser Trägheit
stehenbleiben will; der Gedanke verkümmert die Gedankenlosigkeit,
und seine Unruhe stört die Trägheit; oder daß sie als
Empfindsamkeit sich befestigt, welche alles in seiner Art gut zu finden
versichert; diese Versicherung leidet ebenso Gewalt von der Vernunft,
welche gerade darum etwas nicht gut findet, insofern es eine Art ist.
Oder die Furcht der Wahrheit mag sich vor sich und andern hinter dem
Scheine verbergen, als ob gerade der heiße Eifer für die
Wahrheit selbst es ihr so schwer, ja unmöglich mache, eine andere
Wahrheit zu finden als die einzige der Eitelkeit, immer noch gescheuter
zu sein als jede Gedanken, welche man aus sich selbst oder von andern
hat; diese Eitelkeit, welche sich jede Wahrheit zu vereiteln, daraus in
sich zurückzukehren versteht, und an diesem eignen Verstande sich
weidet, der alle Gedanken immer aufzulösen und statt alles Inhalts
nur das trockne Ich zu finden weiß, ist eine Befriedigung, welche
sich selbst überlassen werden muß, denn sie flieht das
Allgemeine, und sucht nur das Für-sich-sein.
Wie dieses vorläufig und im allgemeinen über die Weise und
Notwendigkeit des Fortgangs gesagt worden ist, so kann noch über
die Methode der Ausführung etwas zu erinnern dienlich sein. Diese
Darstellung als ein Verhalten der Wissenschaft zu dem erscheinenden
Wissen, und als Untersuchung und Prüfung der Realität des
Erkennens vorgestellt, scheint nicht ohne irgendeine Voraussetzung, die
als Maßstab zugrunde gelegt wird, stattfinden zu können.
Denn die Prüfung besteht in dem Anlegen eines angenommenen
Maßstabes, und in der sich ergebenden Gleichheit oder
Ungleichheit dessen, was geprüft wird, mit ihm die Entscheidung,
ob es richtig oder unrichtig ist; und der Maßstab überhaupt,
und ebenso die Wissenschaft, wenn sie der Maßstab wäre, ist
dabei als das Wesen oder als das An-sich angenommen. Aber hier, wo die
Wissenschaft erst auftritt, hat weder sie selbst, noch was es sei, sich
als das Wesen oder als das An-sich gerechtfertigt; und ohne ein solches
scheint keine Prüfung stattfinden zu können.
Dieser Widerspruch und seine Wegräumung wird sich bestimmter
ergeben, wenn zuerst an die abstrakten Bestimmungen des Wissens und der
Wahrheit erinnert wird, wie sie an dem Bewußtsein vorkommen.
Dieses unterscheidet nämlich etwas von sich, worauf es sich
zugleich bezieht; oder wie dies ausgedrückt wird, es ist etwas
für dasselbe; und die bestimmte Seite dieses Beziehens, oder des
Seins von etwas für ein Bewußtsein ist das Wissen. Von
diesem Sein für ein anderes unterscheiden wir aber das
An-sich-sein; das auf das Wissen bezogene wird ebenso von ihm
unterschieden, und gesetzt als seiend auch außer dieser
Beziehung; die Seite dieses An-sich heißt Wahrheit. Was
eigentlich an diesen Bestimmungen sei, geht uns weiter hier nichts an,
denn indem das erscheinende Wissen unser Gegenstand ist, so werden auch
zunächst seine Bestimmungen aufgenommen, wie sie sich unmittelbar
darbieten; und so, wie sie gefaßt worden sind, ist es wohl,
daß sie sich darbieten.
Untersuchen wir nun die Wahrheit des Wissens, so scheint es, wir
untersuchen, was es an sich ist. Allein in dieser Untersuchung ist es
unser Gegenstand, es ist für uns; und das An-sich desselben,
welches sich ergäbe, wäre so vielmehr sein Sein für uns;
was wir als sein Wesen behaupten würden, vielmehr nicht seine
Wahrheit, sondern nur unser Wissen von ihm. Das Wesen oder der
Maßstab fiele in uns, und dasjenige, was mit ihm verglichen, und
über welches durch diese Vergleichung entschieden werden sollte,
hätte ihn nicht notwendig anzuerkennen.
Aber die Natur des Gegenstandes, den wir untersuchen, überhebt
dieser Trennung oder dieses Scheins von Trennung und Voraussetzung. Das
Bewußtsein gibt seinen Maßstab an ihm selbst, und die
Untersuchung wird dadurch eine Vergleichung seiner mit sich selbst
sein; denn die Unterscheidung, welche soeben gemacht worden ist,
fällt in es. Es ist in ihm eines für ein anderes, oder es hat
überhaupt die Bestimmtheit des Moments des Wissens an ihm;
zugleich ist ihm dies andere nicht nur für es, sondern auch
außer dieser Beziehung oder an sich: das Moment der Wahrheit. An
dem also, was das Bewußtsein innerhalb seiner für das
An-sich oder das Wahre erklärt, haben wir den Maßstab, den
es selbst aufstellt, sein Wissen daran zu messen. Nennen wir das Wissen
den Begriff, das Wesen oder das Wahre aber das Seiende oder den
Gegenstand, so besteht die Prüfung darin, zuzusehen, ob der
Begriff dem Gegenstande entspricht. Nennen wir aber das Wesen oder das
An-sich des Gegenstandes den Begriff, und verstehen dagegen unter dem
Gegenstande, ihn als Gegenstand, nämlich wie er für ein
anderes ist, so besteht die Prüfung darin, daß wir zusehen,
ob der Gegenstand seinem Begriff entspricht. Man sieht wohl, daß
beides dasselbe ist; das Wesentliche aber ist, dies für die ganze
Untersuchung festzuhalten, daß diese beiden Momente, Begriff und
Gegenstand, Für-ein-anderes- und An-sich-selbst-sein, in das
Wissen, das wir untersuchen, selbst fallen, und hiemit wir nicht
nötig haben, Maßstäbe mitzubringen, und unsere
Einfälle und Gedanken bei der Untersuchung zu applizieren;
dadurch, daß wir diese weglassen, erreichen wir es, die Sache,
wie sie an und für sich selbst ist, zu betrachten.
Aber nicht nur nach dieser Seite, daß Begriff und Gegenstand, der
Maßstab und das zu Prüfende, in dem Bewußtsein selbst
vorhanden sind, wird eine Zutat von uns überflüssig, sondern
wir werden auch der Mühe der Vergleichung beider und der
eigentlichen Prüfung überhoben, so daß, indem das
Bewußtsein sich selbst prüft, uns auch von dieser Seite nur
das reine Zusehen bleibt. Denn das Bewußtsein ist einerseits
Bewußtsein des Gegenstandes, anderseits Bewußtsein seiner
selbst; Bewußtsein dessen, was ihm das Wahre ist, und
Bewußtsein seines Wissens davon. Indem beide für dasselbe
sind, ist es selbst ihre Vergleichung; es wird für dasselbe, ob
sein Wissen von dem Gegenstande diesem entspricht oder nicht. Der
Gegenstand scheint zwar für dasselbe nur so zu sein, wie es ihn
weiß; es scheint gleichsam nicht dahinterkommen zu können,
wie er, nicht für dasselbe, sondern wie er an sich ist, und also
auch sein Wissen nicht an ihm prüfen zu können. Allein gerade
darin, daß es überhaupt von einem Gegenstande weiß,
ist schon der Unterschied vorhanden, daß ihm etwas das An-sich,
ein anderes Moment aber das Wissen, oder das Sein des Gegenstandes
für das Bewußtsein ist. Auf dieser Unterscheidung, welche
vorhanden ist, beruht die Prüfung. Entspricht sich in dieser
Vergleichung beides nicht, so scheint das Bewußtsein sein Wissen
ändern zu müssen, um es dem Gegenstande gemäß zu
machen, aber in der Veränderung des Wissens ändert sich ihm
in der Tat auch der Gegenstand selbst; denn das vorhandene Wissen war
wesentlich ein Wissen von dem Gegenstande; mit dem Wissen wird auch er
ein anderer, denn er gehörte wesentlich diesem Wissen an. Es wird
hiemit dem Bewußtsein, daß dasjenige, was ihm vorher das
An-sich war, nicht an sich ist, oder daß es nur für es an
sich war. Indem es also an seinem Gegenstande sein Wissen diesem nicht
entsprechend findet, hält auch der Gegenstand selbst nicht aus;
oder der Maßstab der Prüfung ändert sich, wenn
dasjenige, dessen Maßstab er sein sollte, in der Prüfung
nicht besteht; und die Prüfung ist nicht nur eine Prüfung des
Wissens, sondern auch ihres Maßstabes.
Diese dialektische Bewegung, welche das Bewußtsein an ihm selbst,
sowohl an seinem Wissen als an seinem Gegenstande ausübt, insofern
ihm der neue wahre Gegenstand daraus entspringt, ist eigentlich
dasjenige, was Erfahrung genannt wird. Es ist in dieser Beziehung an
dem soeben erwähnten Verlaufe ein Moment noch näher
herauszuheben, wodurch sich über die wissenschaftliche Seite der
folgenden Darstellung ein neues Licht verbreiten wird. Das
Bewußtsein weiß Etwas, dieser Gegenstand ist das Wesen oder
das An-sich; er ist aber auch für das Bewußtsein das
An-sich; damit tritt die Zweideutigkeit dieses Wahren ein. Wir sehen,
daß das Bewußtsein itzt zwei Gegenstände hat, den
einen das erste An-sich, den zweiten das Für-es-sein dieses
An-sich. Der letztere scheint zunächst nur die Reflexion des
Bewußtseins in sich selbst zu sein, ein Vorstellen, nicht eines
Gegenstandes, sondern nur seines Wissens von jenem ersten. Allein wie
vorhin gezeigt worden, ändert sich ihm dabei der erste Gegenstand;
er hört auf, das An-sich zu sein, und wird ihm zu einem solchen,
der nur für es das An-sich ist; somit aber ist dann dies: das
Für-es-sein dieses An-sich, das Wahre, das heißt aber, dies
ist das Wesen, oder sein Gegenstand. Dieser neue Gegenstand
enthält die Nichtigkeit des ersten, er ist die über ihn
gemachte Erfahrung.
An dieser Darstellung des Verlaufs der Erfahrung ist ein Moment,
wodurch sie mit demjenigen nicht übereinzustimmen scheint, was
unter der Erfahrung verstanden zu werden pflegt. Der Übergang
nämlich vom ersten Gegenstande und dem Wissen desselben zu dem
andern Gegenstande, an dem man sagt, daß die Erfahrung gemacht
worden sei, wurde so angegeben, daß das Wissen vom ersten
Gegenstande, oder das Für-das-Bewußtsein des ersten An-sich,
der zweite Gegenstand selbst werden soll. Dagegen es sonst scheint,
daß wir die Erfahrung von der Unwahrheit unseres ersten Begriffs
an einem andern Gegenstande machen, den wir zufälligerweise und
äußerlich etwa finden, so daß überhaupt nur das
reine Auffassen dessen, was an und für sich ist, in uns falle. In
jener Ansicht aber zeigt sich der neue Gegenstand als geworden, durch
eine Umkehrung des Bewußtseins selbst. Diese Betrachtung der
Sache ist unsere Zutat, wodurch sich die Reihe der Erfahrungen des
Bewußtseins zum wissenschaftlichen Gange erhebt, und welche nicht
für das Bewußtsein ist, das wir betrachten. Es ist aber dies
in der Tat auch derselbe Umstand, von welchem oben schon in Ansehung
des Verhältnisses dieser Darstellung zum Skeptizismus die Rede
war, daß nämlich das jedesmalige Resultat, welches sich an
einem nicht wahrhaften Wissen ergibt, nicht in ein leeres Nichts
zusammenlaufen dürfe, sondern notwendig als Nichts desjenigen,
dessen Resultat es ist, aufgefaßt werden müsse; ein
Resultat, welches das enthält, was das vorhergehende Wissen Wahres
an ihm hat. Dies bietet sich hier so dar, daß, indem das, was
zuerst als der Gegenstand erschien, dem Bewußtsein zu einem
Wissen von ihm herabsinkt, und das An-sich zu einem
Für-das-Bewußtsein-sein des An-sich wird, dies der neue
Gegenstand ist, womit auch eine neue Gestalt des Bewußtseins
auftritt, welcher etwas anderes das Wesen ist als der vorhergehenden.
Dieser Umstand ist es, welcher die ganze Folge der Gestalten des
Bewußtseins in ihrer Notwendigkeit leitet. Nur diese
Notwendigkeit selbst, oder die Entstehung des neuen Gegenstandes, der
dem Bewußtsein, ohne zu wissen, wie ihm geschieht, sich
darbietet, ist es, was für uns gleichsam hinter seinem Rücken
vorgeht. Es kommt dadurch in seine Bewegung ein Moment des An-sich-
oder Für-uns-seins, welches nicht für das Bewußtsein,
das in der Erfahrung selbst begriffen ist, sich darstellt; der Inhalt
aber dessen, was uns entsteht, ist für es, und wir begreifen nur
das Formelle desselben, oder sein reines Entstehen; für es ist
dies Entstandene nur als Gegenstand, für uns zugleich als Bewegung
und Werden.
Durch diese Notwendigkeit ist dieser Weg zur Wissenschaft selbst schon
Wissenschaft, und nach ihrem Inhalte hiemit Wissenschaft der Erfahrung
des Bewußtseins.
Die Erfahrung, welche das Bewußtsein über sich macht, kann
ihrem Begriffe nach nichts weniger in sich begreifen als das ganze
System desselben, oder das ganze Reich der Wahrheit des Geistes, so
daß die Momente derselben in dieser eigentümlichen
Bestimmtheit sich darstellen, nicht abstrakte, reine Momente zu sein,
sondern so, wie sie für das Bewußtsein sind, oder wie dieses
selbst in seiner Beziehung auf sie auftritt, wodurch die Momente des
Ganzen, Gestalten des Bewußtseins sind. Indem es zu seiner wahren
Existenz sich forttreibt, wird es einen Punkt erreichen, auf welchem es
seinen Schein ablegt, mit Fremdartigem, das nur für es und als ein
anderes ist, behaftet zu sein, oder wo die Erscheinung dem Wesen gleich
wird, seine Darstellung hiemit mit eben diesem Punkte der eigentlichen
Wissenschaft des Geistes zusammenfällt, und endlich, indem es
selbst dies sein Wesen erfaßt, wird es die Natur des absoluten
Wissens selbst bezeichnen.