G.W.F.
Hegel
Phänomenologie des
Geistes (1807)
A.
Bewußtsein
I. Die sinnliche Gewißheit oder das Diese und das Meinen
[82] Das
Wissen, welches zuerst oder unmittelbar unser Gegenstand ist, kann kein
anderes sein als dasjenige, welches selbst unmittelbares Wissen, Wissen
des Unmittelbaren oder Seienden ist. Wir haben uns ebenso unmittelbar
oder aufnehmend zu verhalten, also nichts an ihm, wie es sich
darbietet, zu verändern und von dem Auffassen das Begreifen
abzuhalten.
Der konkrete Inhalt der sinnlichen Gewißheit läßt sie
unmittelbar als die reichste Erkenntnis, ja als eine Erkenntnis von
unendlichem Reichtum erscheinen, für welchen ebensowohl, wenn wir
im Räume und in der Zeit, als worin er sich ausbreitet, hinaus-,
als wenn wir uns ein Stück aus dieser Fülle nehmen und durch
Teilung in dasselbe hineingehen, keine Grenze zu finden ist. Sie
erscheint außerdem als die wahrhafteste; denn sie hat von dem
Gegenstande noch nichts weggelassen, sondern ihn in seiner ganzen
Vollständigkeit vor sich. Diese Gewißheit aber gibt in der
Tat sich selbst für die abstrakteste und ärmste Wahrheit aus.
Sie sagt von dem, was sie weiß, nur dies aus: es ist; und ihre
Wahrheit enthält allein das Sein der Sache; das Bewußtsein
seinerseits ist in dieser Gewißheit nur als reines Ich; oder Ich
bin darin nur als reiner Dieser und der Gegenstand ebenso nur als
reines Dieses. Ich, dieser, bin dieser Sache nicht darum gewiß,
weil Ich als Bewußtsein hierbei mich entwickelte und mannigfaltig
den Gedanken bewegte. Auch nicht darum, weil die Sache, deren ich
gewiß bin, nach einer Menge unterschiedener [83] Beschaffenheiten
eine reiche Beziehung an ihr selbst oder ein vielfaches Verhalten zu
anderen wäre. Beides geht die Wahrheit der sinnlichen
Gewißheit nichts an; weder Ich noch die Sache hat darin die
Bedeutung einer mannigfaltigen Vermittlung, Ich nicht die Bedeutung
eines mannigfaltigen Vorstellens oder Denkens, noch die Sache die
Bedeutung mannigfaltiger Beschaffenheiten, sondern die Sache ist; und
sie ist, nur weil sie ist; sie ist, dies ist dem sinnlichen Wissen das
Wesentliche, und dieses reine Sein oder diese einfache Unmittelbarkeit
macht ihre Wahrheit aus. Ebenso ist die Gewißheit als Beziehung
unmittelbare reine Beziehung; das Bewußtsein ist Ich, weiter
nichts, ein reiner Dieser; der Einzelne weiß reines Dieses oder
das Einzelne.
An dem reinen Sein aber, welches das Wesen dieser Gewißheit
ausmacht und welches sie als ihre Wahrheit aussagt, spielt, wenn wir
zusehen, noch vieles andere beiher. Eine wirkliche sinnliche
Gewißheit ist nicht nur diese reine Unmittelbarkeit, sondern ein
Beispiel derselben. Unter den unzähligen dabei vorkommenden
Unterschieden finden wir allenthalben die Hauptverschiedenheit,
daß nämlich in ihr sogleich aus dem reinen Sein die beiden
schon genannten Diesen, ein Dieser als Ich und ein Dieses als
Gegenstand, herausfallen. Reflektieren wir über diesen
Unterschied, so ergibt sich, daß weder das eine noch das andere
nur unmittelbar, in der sinnlichen Gewißheit ist, sondern
zugleich als vermittelt; Ich habe die Gewißheit durch ein
Anderes, nämlich die Sache; und diese ist ebenso in der
Gewißheit durch ein Anderes, nämlich durch Ich.
Diesen Unterschied des Wesens und des Beispiels, der Unmittelbarkeit
und der Vermittlung, machen nicht nur wir, sondern wir finden ihn an
der sinnlichen Gewißheit selbst, und in der Form, wie er an ihr
ist, nicht wie wir ihn soeben bestimmten, ist er aufzunehmen. Es ist in
ihr eines als das einfache unmittelbar Seiende oder als das Wesen
gesetzt, der Gegenstand, das andere aber als das Unwesentliche und
Vermittelte, welches darin nicht an sich, sondern durch ein [84]
Anderes ist, Ich, ein Wissen, das den Gegenstand nur darum weiß,
weil er ist, und das sein oder auch nicht sein kann. Der Gegenstand
aber ist, das Wahre und das Wesen; er ist, gleichgültig dagegen,
ob er gewußt wird oder nicht; er bleibt, wenn er auch nicht
gewußt wird; das Wissen aber ist nicht, wenn nicht der Gegenstand
ist.
Der Gegenstand ist also zu betrachten, ob er in der Tat, in der
sinnlichen Gewißheit selbst, als solches Wesen ist, für
welches er von ihr ausgegeben wird; ob dieser sein Begriff, Wesen zu
sein, dem entspricht, wie er in ihr vorhanden ist. Wir haben zu dem
Ende nicht über ihn zu reflektieren und nachzudenken, was er in
Wahrheit sein mochte, sondern Ihn nur zu betrachten, wie ihn die
sinnliche Gewißheit an ihr hat.
Sie ist also selbst zu fragen: Was ist das Diese? Nehmen wir es in der
gedoppelten Gestalt seines Seins, als das Jetzt und als das Hier, so
wird die Dialektik, die es an ihm hat, eine so verständliche Form
erhalten, als es selbst ist. Auf die Frage: was ist das Jetzt antworten
wir also zum Beispiel: das Jetzt ist die Nacht. Um die Wahrheit dieser
sinnlichen Gewißheit zu prüfen, ist ein einfacher Versuch
hinreichend. Wir schreiben diese Wahrheit auf; eine Wahrheit kann durch
Aufschreiben nicht verlieren; ebensowenig dadurch, daß wir sie
aufbewahren. Sehen wir jetzt, diesen Mittag, die aufgeschriebene
Wahrheit wieder an, so werden wir sagen müssen, daß sie
schal geworden ist.
Das Jetzt, welches Nacht ist, wird aufbewahrt, d.h. es wird behandelt
als das, für was es ausgegeben wird, als ein Seiendes; es erweist
sich aber vielmehr als ein Nichtseiendes. Das Jetzt selbst erhält
sich wohl, aber als ein solches, das nicht Nacht ist; ebenso
erhält es sich gegen den Tag, der es jetzt ist, als ein solches,
das auch nicht Tag ist, oder als ein Negatives überhaupt. Dieses
sich erhaltende Jetzt ist daher nicht ein unmittelbares, sondern ein
vermitteltes; denn es ist als ein bleibendes und sich erhaltendes
dadurch bestimmt, daß anderes, nämlich der Tag und die
Nacht, nicht ist. Dabei ist es eben noch so einfach als zuvor, Jetzt,
und in dieser Einfachheit [85] gleichgültig gegen das, was noch
bei ihm herspielt; sowenig die Nacht und der Tag sein Sein ist,
ebensowohl ist es auch Tag und Nacht; es ist durch dies sein Anderssein
gar nicht affiziert. Ein solches Einfaches, das durch Negation ist,
weder Dieses noch Jenes, ein Nichtdieses, und ebenso gleichgültig,
auch Dieses wie Jenes zu sein, nennen wir ein Allgemeines; das
Allgemeine ist also in der Tat das Wahre der sinnlichen Gewißheit.
Als ein Allgemeines sprechen wir auch das Sinnliche aus, was wir sagen,
ist: Dieses, d.h. das allgemeine Diese, oder: es ist; d.h. das Sein
überhaupt. Wir stellen uns dabei freilich nicht das allgemeine
Diese oder das Sein überhaupt vor, aber wir sprechen das
Allgemeine aus; oder wir sprechen schlechthin nicht, wie wir es in
dieser sinnlichen Gewißheit meinen. Die Sprache aber ist, wie wir
sehen, das Wahrhaftere; in ihr widerlegen wir selbst unmittelbar unsere
Meinung; und da das Allgemeine das Wahre der sinnlichen Gewißheit
ist und die Sprache nur dieses Wahre ausdrückt, so ist es gar
nicht möglich, daß wir ein sinnliches Sein, das wir meinen,
je sagen können.
Es wird derselbe Fall sein mit der anderen Form des Dieses, mit dem
Hier. Das Hier ist z.B. der Baum. Ich wende mich um, so ist diese
Wahrheit verschwunden und hat sich in die entgegengesetzte verkehrt:
Das Hier ist nicht ein Baum, sondern vielmehr ein Haus. Das Hier selbst
verschwindet nicht; sondern es ist bleibend im Verschwinden des Hauses,
Baumes usf. und gleichgültig, Haus, Baum zu sein. Das Dieses zeigt
sich also wieder als vermittelte Einfachheit oder als Allgemeinheit.
Dieser sinnlichen Gewißheit, indem sie an ihr selbst das
Allgemeine als die Wahrheit ihres Gegenstandes erweist, bleibt also das
reine Sein als ihr Wesen, aber nicht als Unmittelbares, sondern [als]
ein solches, dem die Negation und Vermittlung wesentlich ist, hiermit
nicht als das, was wir unter dem Sein meinen, sondern das Sein mit der
Bestimmung, daß es die Abstraktion oder das rein Allgemeine [86]
ist; und unsere Meinung, für welche das Wahre der sinnlichen
Gewißheit nicht das Allgemeine ist, bleibt allein diesem leeren
oder gleichgültigen Jetzt und Hier gegenüber noch übrig.
Vergleichen wir das Verhältnis, in welchem das Wissen und der
Gegenstand zuerst auftrat, mit dem Verhältnisse derselben, wie sie
in diesem Resultate zu stehen kommen, so hat es sich umgekehrt. Der
Gegenstand, der das Wesentliche sein sollte, ist nun das Unwesentliche
der sinnlichen Gewißheit; denn das Allgemeine, zu dem er geworden
ist, ist nicht mehr ein solches, wie er für sie wesentlich sein
sollte, sondern sie ist jetzt in dem Entgegengesetzten, nämlich in
dem Wissen, das vorher das Unwesentliche war, vorhanden. Ihre Wahrheit
ist in dem Gegenstande als meinem Gegenstande oder im Meinen; er ist,
weil Ich von ihm weiß. Die sinnliche Gewißheit ist also
zwar aus dem Gegenstande vertrieben, aber dadurch noch nicht
aufgehoben, sondern nur in das Ich zurückgedrängt; es ist zu
sehen, was uns die Erfahrung über diese ihre Realität zeigt.
Die Kraft ihrer Wahrheit liegt also nun im Ich, in der Unmittelbarkeit
meines Sehens, Hörens usf.; das Verschwinden des einzelnen Jetzt
und Hier, das wir meinen, wird dadurch abgehalten, daß Ich sie
festhalte. Das Jetzt ist Tag, weil Ich ihn sehe; das Hier ein Baum,
eben darum. Die sinnliche Gewißheit erfährt aber in diesem
Verhältnisse dieselbe Dialektik an ihr als in dem vorigen, ich,
dieser, sehe den Baum und behaupte den Baum als das Hier; ein anderer
Ich sieht aber das Haus und behauptet, das Hier sei nicht ein Baum,
sondern vielmehr ein Haus. Beide Wahrheiten haben dieselbe
Beglaubigung, nämlich die Unmittelbarkeit des Sehens und die
Sicherheit und Versicherung beider über ihr Wissen; die eine
verschwindet aber in der anderen.
Was darin nicht verschwindet, ist ich, als Allgemeines, dessen Sehen
weder ein Sehen des Baums noch dieses Hauses, sondern ein einfaches
Sehen ist, das, durch die Negation dieses Hauses usf. vermittelt, darin
ebenso einfach und gleichgültig [87] gegen das, was noch
beiherspielt, gegen das Haus, den Baum ist. Ich ist nur allgemeines,
wie Jetzt, Hier oder Dieses überhaupt; ich meine wohl einen
einzelnen Ich, aber sowenig ich das, was ich bei Jetzt, Hier meine,
sagen kann, sowenig bei Ich. Indem ich sage: dieses Hier, Jetzt oder
ein Einzelnes, sage ich: alle Diese, alle Hier, Jetzt. Einzelne,
ebenso, indem ich sage: Ich, dieser einzelne Ich, sage ich
überhaupt: alle Ich, jeder ist das, was ich sage: Ich, dieser
einzelne Ich. Wenn der Wissenschaft diese Forderung als ihr
Probierstein, auf dem sie schlechthin nicht aushaken könnte,
vorgelegt wird, ein sogenanntes dieses Ding oder einen diesen Menschen
zu deduzieren, konstruieren, a priori zu finden, oder wie man dies
ausdrücken will, so ist billig, daß die Forderung sage,
welches dieses Ding oder welchen diesen Ich sie meine; aber dies zu
sagen ist unmöglich.
Die sinnliche Gewißheit erfährt also, daß ihr Wesen
weder in dem Gegenstande noch in dem Ich und die Unmittelbarkeit weder
eine Unmittelbarkeit des einen noch des anderen ist; denn an beiden ist
das, was Ich meine, vielmehr ein Unwesentliches, und der Gegenstand und
Ich sind Allgemeine, in welchen dasjenige Jetzt und Hier und Ich, das
ich meine, nicht bestehen bleibt oder ist. Wir kommen hierdurch dahin,
das Ganze der sinnlichen Gewißheit selbst als ihr Wesen zu
setzen, nicht mehr nur ein Moment derselben, wie in den beiden
Fällen geschehen ist, worin zuerst der dem Ich entgegengesetzte
Gegenstand, dann Ich ihre Realität sein sollte. Es ist also nur
die ganze sinnliche Gewißheit selbst, welche an ihr als
Unmittelbarkeit festhält und hierdurch alle Entgegensetzung, die
im vorherigen stattfand, aus sich ausschließt.
Diese reine Unmittelbarkeit geht also das Anderssein des Hier als
Baums, welches in ein Hier, das Nichtbaum ist, das Anderssein des Jetzt
als Tages, das in ein Jetzt, das Nacht ist, übergeht, oder ein
anderes Ich, dem etwas anderes Gegenstand ist, nichts mehr an. Ihre
Wahrheit erhält sich als sich selbst gleichbleibende Beziehung,
die zwischen dem Ich [88] und dem Gegenstande keinen Unterschied der
Wesentlichkeit und Unwesentlichkeit macht und in die daher auch
überhaupt kein Unterschied eindringen kann. Ich, dieser, behaupte
also das Hier als Baum und wende mich nicht um, so daß mir das
Hier zu einem Nichtbaum würde; ich nehme auch keine Notiz davon,
daß ein anderer Ich das Hier als Nichtbaum sieht oder daß
Ich selbst ein anderes Mal das Hier als Nichtbaum, das Jetzt als
Nichttag nehme, sondern Ich bin reines Anschauen; Ich für mich
bleibe dabei: das Jetzt ist Tag, oder auch dabei: das Hier ist Baum,
vergleiche auch nicht das Hier und Jetzt selbst miteinander, sondern
Ich halte an einer unmittelbaren Beziehung fest: das Jetzt ist Tag.
Da hiermit diese Gewißheit nicht mehr herzutreten will, wenn wir
sie auf ein Jetzt, das Nacht ist, oder auf einen Ich, dem es Nacht ist,
aufmerksam machen, so treten wir zu ihr hinzu und lassen uns das Jetzt
zeigen, das behauptet wird. Zeigen müssen wir es uns lassen, denn
die Wahrheit dieser unmittelbaren Beziehung ist die Wahrheit dieses
Ich, der sich auf ein Jetzt oder ein Hier einschränkt. Würden
wir nachher diese Wahrheit vornehmen oder entfernt davon stehen, so
hätte sie gar keine Bedeutung; denn wir höben die
Unmittelbarkeit auf, die ihr wesentlich ist. Wir müssen daher in
denselben Punkt der Zeit oder des Raums eintreten, sie uns zeigen, d.h.
uns zu demselben diesen Ich, welches das gewiß Wissende ist,
machen lassen. Sehen wir also, wie das Unmittelbare beschaffen ist, das
uns aufgezeigt wird.
Es wird das Jetzt gezeigt, dieses Jetzt. Jetzt; es hat schon
aufgehört zu sein, indem es gezeigt wird; das Jetzt, das ist, ist
ein anderes als das gezeigte, und wir sehen, daß das Jetzt eben
dieses ist, indem es ist, schon nicht mehr zu sein. Das Jetzt, wie es
uns gezeigt wird, ist es ein gewesenes, und dies ist seine Wahrheit; es
hat nicht die Wahrheit des Seins. Es ist also doch dies wahr, daß
es gewesen ist. Aber was gewesen ist, ist in der Tat kein Wesen; es ist
nicht, und um das Sein war es zu tun.
[89] Wir sehen also in diesem Aufzeigen nur eine Bewegung und folgenden
Verlauf derselben: 1. Ich zeige das Jetzt auf, es ist als das Wahre
behauptet; ich zeige es aber als Gewesenes oder als ein Aufgehobenes,
hebe die erste Wahrheit auf, und 2. Jetzt behaupte ich als die zweite
Wahrheit, daß es gewesen, aufgehoben ist. 3. Aber das Gewesene
ist nicht; ich hebe das Gewesen- oder Aufgehobensein, die zweite
Wahrheit auf, negiere damit die Negation des Jetzt und kehre so zur
ersten Behauptung zurück, daß Jetzt ist. Das Jetzt und das
Aufzeigen des Jetzt ist also so beschaffen, daß weder das Jetzt
noch das Aufzeigen des Jetzt ein unmittelbares Einfaches Ist, sondern
eine Bewegung, welche verschiedene Momente an ihr hat; es wird Dieses
gesetzt, es wird aber vielmehr ein Anderes gesetzt, oder das Diese wird
aufgehoben: und dieses Anderssein oder Aufheben des ersten wird selbst
wieder aufgehoben und so zu dem ersten zurückgekehrt. Aber dieses
in sich reflektierte erste ist nicht ganz genau dasselbe, was es
zuerst, nämlich ein Unmittelbares, war; sondern es ist eben ein in
sich Reflektiertes oder Einfaches, welches im Anderssein bleibt, was es
ist: ein Jetzt, welches absolut viele Jetzt ist; und dies ist das
wahrhafte Jetzt, das Jetzt als einfacher Tag, das viele Jetzt in sich
hat. Stunden; ein solches Jetzt, eine Stunde, ist ebenso viele Minuten
und diese Jetzt gleichfalls viele Jetzt usf. – Das Aufzeigen ist also
selbst die Bewegung, welche es ausspricht, was das Jetzt in Wahrheit
ist, nämlich ein Resultat oder eine Vielheit von Jetzt
zusammengefaßt; und das Aufzeigen ist das Erfahren, daß
Jetzt Allgemeines ist.
Das aufgezeigte Hier, das ich festhalte, ist ebenso ein dieses Hier,
das in der Tat nicht dieses Hier, sondern ein Vorn und Hinten, ein Oben
und Unten, ein Rechts und Links ist. Das Oben ist selbst ebenso dieses
vielfache Anderssein in oben, unten usf. Das Hier, welches aufgezeigt
werden sollte, verschwindet in anderen Hier, aber diese verschwinden
ebenso; [90] das Aufgezeigte, Festgehaltene und Bleibende ist ein
negatives Dieses, das nur so ist, indem die Hier, wie sie sollen,
genommen werden, aber darin sich aufheben; es ist eine einfache
Komplexion vieler Hier. Das Hier, das gemeint wird, wäre der
Punkt; er ist aber nicht; sondern indem er als seiend aufgezeigt wird,
zeigt sich das Aufzeigen, nicht unmittelbares Wissen, sondern eine
Bewegung von dem gemeinten Hier aus durch viele Hier in das allgemeine
Hier zu sein, welches, wie der Tag eine einfache Vielheit der Jetzt, so
eine einfache Vielheit der Hier ist.
Es erhellt, daß die Dialektik der sinnlichen Gewißheit
nichts anderes als die einfache Geschichte ihrer Bewegung oder ihrer
Erfahrung und die sinnliche Gewißheit selbst nichts anderes als
nur diese Geschichte ist. Das natürliche Bewußtsein geht
deswegen auch zu diesem Resultate, was an ihr das Wahre ist, immer
selbst fort und macht die Erfahrung darüber, aber vergißt es
nur ebenso immer wieder und fängt die Bewegung von vorne an. Es
ist daher zu verwundern, wenn gegen diese Erfahrung als allgemeine
Erfahrung, auch als philosophische Behauptung und gar als Resultat des
Skeptizismus aufgestellt wird, die Realität oder das Sein von
äußeren Dingen als diesen oder sinnlichen habe absolute
Wahrheit für das Bewußtsein; eine solche Behauptung
weiß zugleich nicht, was sie spricht, weiß nicht, daß
sie das Gegenteil von dem sagt, was sie sagen will. Die Wahrheit des
sinnlichen Diesen für das Bewußtsein soll allgemeine
Erfahrung sein; vielmehr ist das Gegenteil allgemeine Erfahrung; jedes
Bewußtsein hebt eine solche Wahrheit, wie z.B. das Hier ist ein
Baum oder das Jetzt ist Mittag, selbst wieder auf und spricht das
Gegenteil aus: das Hier ist nicht ein Baum, sondern ein Haus; und was
in dieser die erste aufhebenden Behauptung wieder eine ebensolche
Behauptung eines sinnlichen Diesen ist, hebt es sofort ebenso auf; und
[es] wird in aller sinnlichen Gewißheit in Wahrheit nur dies
erfahren, was wir gesehen haben, das Dieses nämlich als ein
Allgemeines, das Gegenteil dessen, was jene Behauptung [91] allgemeine
Erfahrung zu sein versichert. – Bei dieser Berufung auf die allgemeine
Erfahrung kann es erlaubt sein, die Rücksicht auf das Praktische
zu antizipieren. In dieser Rücksicht kann denjenigen, welche jene
Wahrheit und Gewißheit der Realität der sinnlichen
Gegenstände behaupten, gesagt werden, daß sie in die
unterste Schule der Weisheit, nämlich in die alten Eleusinischen
Mysterien der Ceres und des Bacchus zurückzuweisen sind und das
Geheimnis des Essens des Brotes und des Trinkens des Weines erst zu
lernen haben; denn der in diese Geheimnisse Eingeweihte gelangt nicht
nur zum Zweifel an dem Sein der sinnlichen Dinge, sondern zur
Verzweiflung an ihm und vollbringt in ihnen teils selbst ihre
Nichtigkeit, teils sieht er sie vollbringen. Auch die Tiere sind nicht
von dieser Weisheit ausgeschlossen, sondern erweisen sich vielmehr, am
tiefsten in sie eingeweiht zu sein; denn sie bleiben nicht vor den
sinnlichen Dingen als an sich seienden stehen, sondern verzweifelnd an
dieser Realität und in der völligen Gewißheit ihrer
Nichtigkeit langen sie ohne weiteres zu und zehren sie auf; und die
ganze Natur feiert wie sie diese offenbaren Mysterien, welche es
lehren, was die Wahrheit der sinnlichen Dinge ist.
Die, welche solche Behauptung aufstellen, sagen aber, gemäß
vorhergehenden Bemerkungen, auch selbst unmittelbar das Gegenteil
dessen, was sie meinen, – eine Erscheinung, die vielleicht am
fähigsten ist, zum Nachdenken über die Natur der sinnlichen
Gewißheit zu bringen. Sie sprechen von dem Dasein
äußerer Gegenstände, welche, noch genauer, als
wirkliche, absolut einzelne, ganz persönliche, individuelle Dinge,
deren jedes seines absolut gleichen nicht mehr hat, bestimmt werden
können; dies Dasein habe absolute Gewißheit und Wahrheit.
Sie meinen dieses Stück Papier, worauf ich dies schreibe oder
vielmehr geschrieben habe; aber was sie meinen, sagen sie nicht. Wenn
sie wirklich dieses Stück Papier, das sie meinen, sagen wollten,
und sie wollten sagen, so ist dies unmöglich, weil das sinnliche
Diese, das gemeint wird, der Sprache, die dem Bewußtsein, dem an
[92] sich Allgemeinen angehört, unerreichbar ist. Unter dem
wirklichen Versuche, es zu sagen, würde es daher vermodern; die
seine Beschreibung angefangen, könnten sie nicht vollenden,
sondern müßten sie anderen überlassen, welche von einem
Dinge zu sprechen, das nicht ist, zuletzt selbst eingestehen
würden. Sie meinen also wohl dieses Stück Papier, das hier
ein ganz anderes als das obige ist; aber sie sprechen wirkliche Dinge,
äußere oder sinnliche Gegenstände, absolut einzelne
Wesen usf., d.h. sie sagen von ihnen nur das Allgemeine, daher, was das
Unaussprechliche genannt wird, nichts anderes ist als das Unwahre,
Unvernünftige, bloß Gemeinte. – Wird von etwas weiter nichts
gesagt, als daß es ein wirkliches Ding, ein äußerer
Gegenstand ist, so ist es nur als das Allerallgemeinste und damit
vielmehr seine Gleichheit mit allem als die Unterschiedenheit
ausgesprochen. Sage ich: ein einzelnes Ding, so sage ich es vielmehr
ebenso als ganz Allgemeines, denn alle sind ein einzelnes Ding; und
gleichfalls dieses Ding ist alles, was man will. Genauer bezeichnet,
als dieses Stück Papier, so ist alles und jedes Papier ein dieses
Stück Papier, und ich habe nur immer das Allgemeine gesagt. Will
ich aber dem Sprechen, welches die göttliche Natur hat, die
Meinung unmittelbar zu verkehren, zu etwas anderem zu machen und so sie
gar nicht zum Worte kommen zu lassen, dadurch nachhelfen, daß ich
dies Stück Papier aufzeige, so mache ich die Erfahrung, was die
Wahrheit der sinnlichen Gewißheit in der Tat ist: ich zeige es
auf als ein Hier, das ein Hier anderer Hier oder an ihm selbst ein
einfaches Zusammen vieler Hier, d.h. ein Allgemeines ist; ich nehme so
es auf, wie es in Wahrheit ist, und statt ein Unmittelbares zu wissen,
nehme ich wahr.