G.W.F.
Hegel
A. Bewußtsein
II.Die Wahrnehmung oder das Ding und die Täuschung
II. Die Wahrnehmung oder das Ding und die Täuschung
[93] Die
unmittelbare Gewißheit nimmt sich nicht das Wahre, denn ihre
Wahrheit ist das Allgemeine; sie aber will das Diese nehmen. Die
Wahrnehmung nimmt hingegen das, was ihr das Seiende ist, als
Allgemeines. Wie die Allgemeinheit ihr Prinzip überhaupt, so sind
auch ihre in ihr unmittelbar sich unterscheidenden Momente, Ich ein
allgemeines und der Gegenstand ein allgemeiner. Jenes Prinzip ist uns
entstanden und unser Aufnehmen der Wahrnehmung daher nicht mehr ein
erscheinendes Aufnehmen, wie [das] der sinnlichen Gewißheit,
sondern ein notwendiges. In dem Entstehen des Prinzips sind zugleich
die beiden Momente, die an ihrer Erscheinung nur herausfallen,
geworden; das eine nämlich die Bewegung des Aufzeigens, das andere
dieselbe Bewegung, aber als Einfaches; jenes das Wahrnehmen, dies der
Gegenstand. Der Gegenstand ist dem Wesen nach dasselbe, was die
Bewegung ist, sie die Entfaltung und Unterscheidung der Momente, er das
Zusammengefaßtsein derselben. Für uns oder an sich ist das
Allgemeine als Prinzip das Wesen der Wahrnehmung, und gegen diese
Abstraktion [sind] die beiden unterschiedenen, das Wahrnehmende und das
Wahrgenommene, das Unwesentliche. Aber in der Tat, weil beide selbst
das Allgemeine oder das Wesen sind, sind sie beide wesentlich; indem
sie aber sich als entgegengesetzte aufeinander beziehen, so kann in der
Beziehung nur das eine das Wesentliche sein, und der Unterschied des
Wesentlichen und Unwesentlichen muß sich an sie verteilen. Das
eine als das Einfache bestimmt, der Gegenstand, ist das Wesen,
gleichgültig dagegen, ob er wahrgenommen wird oder nicht; das
Wahrnehmen aber als die Bewegung ist das Unbeständige, das sein
kann oder auch nicht, und das Unwesentliche.
Dieser Gegenstand ist nun näher zu bestimmen und diese Bestimmung
aus dem Resultate, das sich ergeben, kurz zu [94] entwickeln; die
ausgeführtere Entwicklung gehört nicht hierher. Da sein
Prinzip, das Allgemeine, in seiner Einfachheit ein vermitteltes ist, so
muß er dies als seine Natur an ihm ausdrücken; er zeigt sich
dadurch als das Ding von vielen Eigenschaften. Der Reichtum des
sinnlichen Wissens gehört der Wahrnehmung, nicht der unmittelbaren
Gewißheit an, an der er nur das Beiherspielende war; denn nur
jene hat die Negation, den Unterschied oder die Mannigfaltigkeit an
ihrem Wesen.
Das Dieses ist also gesetzt als nicht dieses oder als aufgehoben, und
damit nicht Nichts, sondern ein bestimmtes Nichts oder ein Nichts von
einem Inhalte, nämlich dem Diesen. Das Sinnliche ist hierdurch
selbst noch vorhanden, aber nicht, wie es in der unmittelbaren
Gewißheit sein sollte, als das gemeinte Einzelne, sondern als
Allgemeines oder als das, was sich als Eigenschaft bestimmen wird. Das
Aufheben stellt seine wahrhafte gedoppelte Bedeutung dar, welche wir an
dem Negativen gesehen haben; es ist ein Negieren und ein Aufbewahren
zugleich; das Nichts, als Nichts des Diesen, bewahrt die
Unmittelbarkeit auf und ist selbst sinnlich, aber eine allgemeine
Unmittelbarkeit. – Das Sein aber ist ein Allgemeines dadurch, daß
es die Vermittlung oder das Negative an ihm hat; indem es dies an
seiner Unmittelbarkeit ausdrückt, ist es eine unterschiedene,
bestimmte Eigenschaft. Damit sind zugleich viele solche Eigenschaften,
eine die negative der ändern, gesetzt. Indem sie in der
Einfachheit des Allgemeinen ausgedrückt sind, beziehen sich diese
Bestimmtheiten, die eigentlich erst durch eine ferner hinzukommende
Bestimmung Eigenschaften sind, auf sich selbst, sind gleichgültig
gegeneinander, jede für sich, frei von der anderen. Die einfache
sich selbst gleiche Allgemeinheit selbst aber ist wieder von diesen
ihren Bestimmtheiten unterschieden und frei; sie ist das reine
Sichaufsichbeziehen oder das Medium, worin diese Bestimmtheiten alle
sind, sich also in ihr als in einer einfachen Einheit durchdringen,
ohne sich aber zu berühren; denn eben durch die Teilnahme an
dieser Allgemeinheit sind [95] sie gleichgültig für sich. –
Dies abstrakte allgemeine Medium, das die Dingheit überhaupt oder
das reine Wesen genannt werden kann, ist nichts anderes als das Hier
und fetzt, wie es sich erwiesen hat, nämlich als ein einfaches
Zusammen von vielen; aber die vielen sind in ihrer Bestimmtheit selbst
einfach Allgemeine. Dies Salz ist einfaches Hier und zugleich vielfach;
es ist weiß und auch scharf, auch kubisch gestaltet, auch von
bestimmter Schwere usw. Alle diese vielen Eigenschaften sind in einem
einfachen Hier, worin sie sich also durchdringen; keine hat ein anderes
Hier als die andere, sondern jede ist allenthalten in demselben, worin
die andere ist; und zugleich, ohne durch verschiedene Hier geschieden
zu sein, affizieren sie sich in dieser Durchdringung nicht; das
Weiße affiziert oder verändert das Kubische nicht, beide
nicht das Scharfe usw., sondern da jede selbst einfaches
Sichaufsichbeziehen ist, läßt sie die anderen ruhig und
bezieht sich nur durch das gleichgültige Auch auf sie. Dieses Auch
ist also das reine Allgemeine selbst oder das Medium, die sie so
zusammenfassende Dingheit.
In diesem Verhältnisse, das sich ergeben hat, ist nur erst der
Charakter der positiven Allgemeinheit beobachtet und entwickelt; es
bietet sich aber noch eine Seite dar, welche auch hereingenommen werden
muß. Nämlich wenn die vielen bestimmten Eigenschaften
schlechterdings gleichgültig wären und sich durchaus nur auf
sich selbst bezögen, so wären sie keine bestimmten, denn sie
sind dies nur, insofern sie sich unterscheiden und sich auf andere als
entgegengesetzte beziehen. Nach dieser Entgegensetzung aber können
sie nicht in der einfachen Einheit ihres Mediums zusammen sein, die
ihnen ebenso wesentlich ist als die Negation; die Unterscheidung
derselben, insofern sie nicht eine gleichgültige, sondern
ausschließende, Anderes negierende ist, fällt also
außer diesem einfachen Medium; und dieses ist daher nicht nur ein
Auch, gleichgültige Einheit, sondern auch Eins,
ausschließende Einheit. – Das Eins ist das Moment der Negation,
wie es selbst auf eine einfache Weise sich auf sich [96] bezieht und
Anderes ausschließt und wodurch die Dingheit als Ding bestimmt
ist. An der Eigenschaft ist die Negation als Bestimmtheit, die
unmittelbar eins ist mit der Unmittelbarkeit des Seins, welche durch
diese Einheit mit der Negation Allgemeinheit ist; als Eins aber ist
sie, wie sie von dieser Einheit mit dem Gegenteil befreit und an und
für sich selbst ist.
In diesen Momenten zusammen ist das Ding als das
Wahre der Wahrnehmung vollendet, soweit es nötig ist, es hier zu
entwickeln. Es ist α) die gleichgültige passive Allgemeinheit, das
Auch der vielen Eigenschaften oder vielmehr Materien, β) die Negation
ebenso als einfach, oder das Eins, das Ausschließen
entgegengesetzter Eigenschaften, und γ) die vielen Eigenschaften
selbst, die Beziehung der zwei ersten Momente, die Negation, wie sie
sich auf das gleichgültige Element bezieht und sich darin als eine
Menge von Unterschieden ausbreitet; der Punkt der Einzelheit in dem
Medium des Bestehens in die Vielheit ausstrahlend. Nach der Seite,
daß diese Unterschiede dem gleichgültigen Medium
angehören, sind sie selbst allgemein, beziehen sich nur auf sich
und affizieren sich nicht; nach der Seite aber, daß sie der
negativen Einheit angehören, sind sie zugleich
ausschließend, haben aber diese entgegengesetzte Beziehung
notwendig an Eigenschaften, die aus ihrem Auch entfernt sind. Die
sinnliche Allgemeinheit oder die unmittelbare Einheit des Seins und des
Negativen ist erst so Eigenschaft, insofern das Eins und die reine
Allgemeinheit aus ihr entwickelt und voneinander unterschieden sind und
sie diese miteinander zusammenschließt; diese Beziehung derselben
auf die reinen wesentlichen Momente vollendet erst das Ding.
So ist nun das Ding der Wahrnehmung beschaffen; und das
Bewußtsein ist als Wahrnehmendes bestimmt, insofern dies Ding
sein Gegenstand ist; es hat ihn nur zu nehmen und sich als reines
Auffassen zu verhalten; was sich ihm dadurch ergibt, ist das Wahre.
Wenn es selbst bei diesem Nehmen etwas[97] täte, würde es
durch solches Hinzusetzen oder Weg lassen die Wahrheit verändern.
Indem der Gegenstand das Wahre und Allgemeine, sich selbst Gleiche, das
Bewußtsein sich aber das Veränderliche und Unwesentliche
ist, kann es ihm geschehen, daß es den Gegenstand unrichtig
auffaßt und sich täuscht. Das Wahrnehmende hat das
Bewußtsein der Möglichkeit der Täuschung; denn in der
Allgemeinheit, welche das Prinzip ist, ist das Anderssein selbst
unmittelbar für es, aber als das Nichtige, Aufgehobene. Sein
Kriterium der Wahrheit ist daher die Sichselbstgleichheit, und sein
Verhalten als sich selbst gleiches aufzufassen. Indem zugleich das
Verschiedene für es ist, ist es ein Beziehen der verschiedenen
Momente seines Auffassens aufeinander; wenn sich aber in dieser
Vergleichung eine Ungleichheit hervortut, so ist dies nicht eine
Unwahrheit des Gegenstandes, denn er ist das sich selbst Gleiche,
sondern des Wahrnehmens.
Sehen wir nun zu, welche Erfahrung das Bewußtsein in seinem
wirklichen Wahrnehmen macht. Sie ist für uns in der soeben
gegebenen Entwicklung des Gegenstandes und des Verhaltens des
Bewußtseins zu ihm schon enthalten und wird nur die Entwicklung
der darin vorhandenen Widersprüche sein. – Der Gegenstand, den ich
aufnehme, bietet sich als rein Einer dar; auch werde ich die
Eigenschaft an ihm gewahr, die allgemein ist, dadurch aber über
die Einzelheit hinausgeht. Das erste Sein des gegenständlichen
Wesens als eines Einen war also nicht sein wahres Sein; da er das Wahre
ist, fällt die Unwahrheit in mich, und das Auffassen war nicht
richtig. Ich muß um der Allgemeinheit der Eigenschaft willen das
gegenständliche Wesen vielmehr als eine Gemeinschaft
überhaupt nehmen. Ich nehme nun ferner die Eigenschaft wahr als
bestimmte. Anderem entgegengesetzte und es ausschließende. Ich
faßte das gegenständliche Wesen also in der Tat nicht
richtig auf, als ich es als eine Gemeinschaft mit anderen oder als die
Kontinuität bestimmte, und muß vielmehr um der Bestimmtheit
der Eigenschaft willen die Kontinuität trennen und es als
ausschließendes Eins setzen.
[98] An dem getrennten Eins finde ich viele solche Eigenschaften, die
einander nicht affizieren, sondern gleichgültig gegeneinander
sind; ich nahm den Gegenstand also nicht richtig wahr, als ich ihn als
ein Ausschließendes auffaßte, sondern er ist, wie vorhin
nur Kontinuität überhaupt, so jetzt ein allgemeines
gemeinschaftliches Medium, worin viele Eigenschaften als sinnliche
Allgemeinheiten, jede für sich ist und als bestimmte die anderen
ausschließt. Das Einfache und Wahre, das ich wahrnehme, ist aber
hiermit auch nicht ein allgemeines Medium, sondern die einzelne
Eigenschaft für sich, die aber so weder Eigenschaft noch ein
bestimmtes Sein ist; denn sie ist nun weder an einem Eins noch in
Beziehung auf andere. Eigenschaft ist sie aber nur am Eins und bestimmt
nur in Beziehung auf andere. Sie bleibt als dies reine
Sichaufsichselbstbeziehen nur sinnliches Sein überhaupt, da sie
den Charakter der Negativität nicht mehr an ihr hat; und das
Bewußtsein, für welches jetzt ein sinnliches Sein ist, ist
nur ein Meinen, d.h. es ist aus dem Wahrnehmen ganz heraus und in sich
zurückgegangen. Allein das sinnliche Sein und Meinen geht selbst
in das Wahrnehmen über; ich bin zu dem Anfang zurückgeworfen
und wieder in denselben, sich in jedem Momente und als Ganzes
aufhebenden Kreislauf hineingerissen.
Das Bewußtsein durchläuft ihn also notwendig wieder, aber
zugleich nicht auf dieselbe Weise wie das erstemal. Es hat nämlich
die Erfahrung über das Wahrnehmen gemacht, daß das Resultat
und das Wahre desselben seine Auflösung oder die Reflexion in sich
selbst aus dem Wahren ist. Es hat sich hiermit für das
Bewußtsein bestimmt, wie sein Wahrnehmen wesentlich beschaffen
ist, nämlich nicht ein einfaches reines Auffassen, sondern in
seinem Auffassen zugleich aus dem Wahren heraus in sich reflektiert zu
sein. Diese Rückkehr des Bewußtseins in sich selbst, die
sich in das reine Auffassen unmittelbar – denn sie hat sich als dem
Wahrnehmen wesentlich gezeigt – einmischt, verändert das Wahre.
Das Bewußtsein erkennt diese Seite zugleich als die seinige und
[99] nimmt sie auf sich, wodurch es also den wahren Gegenstand rein
erhalten wird. – Es ist hiermit jetzt, wie es bei der sinnlichen
Gewißheit geschah, an dem Wahrnehmen die Seite vorhanden,
daß das Bewußtsein in sich zurückgedrängt wird,
aber zunächst nicht in dem Sinne, in welchem dies bei jener der
Fall war, als ob in es die Wahrheit des Wahrnehmens fiele; sondern
vielmehr erkennt es, daß die Unwahrheit, die darin vorkommt, in
es fällt. Durch diese Erkenntnis aber ist es zugleich fähig,
sie aufzuheben; es unterscheidet sein Auffassen des Wahren von der
Unwahrheit seines Wahrnehmens, korrigiert diese, und insofern es diese
Berichtigung selbst vornimmt, fällt allerdings die Wahrheit, als
Wahrheit des Wahrnehmens, in dasselbe. Das Verhalten des
Bewußtseins, das nunmehr zu betrachten ist, ist also so
beschaffen, daß es nicht mehr bloß wahrnimmt, sondern auch
seiner Reflexion-in-sich bewußt ist und diese von der einfachen
Auffassung selbst abtrennt.
Ich werde also zuerst des Dings als Eines gewahr und habe es in dieser
wahren Bestimmung festzuhalten; wenn in der Bewegung des Wahrnehmens
etwas dem Widersprechendes vorkommt, so ist dies als meine Reflexion zu
erkennen. Es kommen nun in der Wahrnehmung auch verschiedene
Eigenschaften vor, welche Eigenschaften des Dings zu sein scheinen;
allein das Ding ist Eins, und von dieser Verschiedenheit, wodurch es
aufhörte, Eins zu sein, sind wir uns bewußt, daß sie
in uns fällt. Dies Ding ist also in der Tat nur weiß, an
unser Auge gebracht, scharf auch, an unsere Zunge, auch kubisch, an
unser Gefühl usf. Die gänzliche Verschiedenheit dieser Seiten
nehmen wir nicht aus dem Dinge, sondern aus uns; sie fallen uns an
unserem von der Zunge ganz unterschiedenen Auge usf. so auseinander.
Wir sind somit das allgemeine Medium, worin solche Momente sich
absondern und für sich sind. Hierdurch also, daß wir die
Bestimmtheit, allgemeines Medium zu sein, als unsere Reflexion
betrachten, [100] erhalten wir die Sichselbstgleichheit und Wahrheit
des Dinges, Eins zu sein.
Diese verschiedenen Seiten, welche das Bewußtsein auf sich nimmt,
sind aber, jede so für sich, als in dem allgemeinen Medium sich
befindend betrachtet, bestimmt; das Weiße ist nur in
Entgegensetzung gegen das Schwarze usf., und das Ding Eins gerade
dadurch, daß es anderen sich entgegensetzt. Es schließt
aber andere nicht, insofern es Eins ist, von sich aus – denn Eins zu
sein ist das allgemeine Aufsichselbstbeziehen, und dadurch, daß
es Eins ist, ist es vielmehr allen gleich –, sondern durch die
Bestimmtheit. Die Dinge selbst also sind an und für sich
bestimmte; sie haben Eigenschaften, wodurch sie sich von anderen
unterscheiden. Indem die Eigenschaft die eigene Eigenschaft des Dinges
oder eine Bestimmtheit an ihm selbst ist, hat es mehrere Eigenschaften.
Denn fürs erste ist das Ding das wahre, es ist an sich selbst; und
was an ihm ist, ist an ihm als sein eigenes Wesen, nicht um anderer
willen; also sind zweitens die bestimmten Eigenschaften nicht nur um
anderer Dinge willen und für andere Dinge, sondern an ihm selbst;
sie sind aber bestimmte Eigenschaften an ihm nur, indem sie mehrere
sich voneinander unterscheidende sind; und drittens, indem sie so in
der Dingheit sind, sind sie an und für sich und gleichgültig
gegeneinander. Es ist also in Wahrheit das Ding selbst, welches
weiß und auch kubisch, auch scharf usf. ist, oder das Ding ist
das Auch oder das allgemeine Medium, worin die vielen Eigenschaften
außereinander bestehen, ohne sich zu berühren und
aufzuheben; und so genommen wird es als das Wahre genommen.
Bei diesem Wahrnehmen nun ist das Bewußtsein zugleich sich
bewußt, daß es sich auch in sich selbst reflektiert und in
dem Wahrnehmen das dem Auch entgegengesetzte Moment vorkommt. Dies
Moment aber ist Einheit des Dings mit sich selbst, welche den
Unterschied aus sich ausschließt. Sie ist es demnach, welche das
Bewußtsein auf sich zu nehmen hat; denn das Ding selbst ist das
Bestehen der vielen verschiedenen [101] und unabhängigen
Eigenschaften. Es wird also von dem Dinge gesagt: es ist weiß,
auch kubisch und auch scharf usf. Aber insofern es weiß ist, ist
es nicht kubisch, und insofern es kubisch und auch weiß ist, ist
es nicht scharf usf. Das Ineinssetzen dieser Eigenschaften kommt nur
dem Bewußtsein zu, welches sie daher an dem Ding nicht in Eins
fallen zu lassen hat. Zu dem Ende bringt es das Insofern herbei,
wodurch es sie auseinander und das Ding als das Auch erhält. Recht
eigentlich wird das Einssein von dem Bewußtsein erst so auf sich
genommen, daß dasjenige, was Eigenschaft genannt wurde, als freie
Materie vorgestellt wird. Das Ding ist auf diese Weise zum wahrhaften
Auch erhoben, indem es eine Sammlung von Materien und, statt Eins zu
sein, zu einer bloß umschließenden Oberfläche wird.
Sehen wir zurück auf dasjenige, was das Bewußtsein vorhin
auf sich genommen und jetzt auf sich nimmt, was es vorhin dem Dinge
zuschrieb und jetzt ihm zuschreibt, so ergibt sich, daß es
abwechslungsweise ebensowohl sich selbst als auch das Ding zu beidem
macht, zum reinen, vielheitslosen Eins wie zu einem in
selbständige Materien aufgelösten Auch. Das Bewußtsein
findet also durch diese Vergleichung, daß nicht nur sein Nehmen
des Wahren die Verschiedenheit des Auffassens und des in sich
Zurückgehens an ihm hat, sondern daß vielmehr das Wahre
selbst, das Ding, sich auf diese gedoppelte Weise zeigt. Es ist hiermit
die Erfahrung vorhanden, daß das Ding sich für das
auffassende Bewußtsein auf eine bestimmte Weise darstellt, aber
zugleich aus der Weise, in der es sich darbietet, heraus und in sich
reflektiert ist oder an ihm selbst eine entgegengesetzte Wahrheit hat.
Das Bewußtsein ist also auch aus dieser zweiten Art, sich im
Wahrnehmen zu verhalten, nämlich das Ding als das wahre
Sichselbstgleiche, sich aber für das Ungleiche, für das aus
der Gleichheit heraus in sich Zurückgehende zu nehmen, selbst
heraus, und der Gegenstand ist ihm jetzt diese ganze Bewegung, welche
vorher an den Gegenstand und an das Bewußtsein verteilt war. Das
Ding ist Eins, in sich reflektiert; [102] es ist für sich, aber es
ist auch für ein Anderes, und zwar ist es ein anderes für
sich, als es für [ein] Anderes ist. Das Ding ist hiernach für
sich und auch für ein Anderes, ein gedoppeltes verschiedenes Sein,
aber es ist auch Eins, das Einssein aber widerspricht dieser seiner
Verschiedenheit; das Bewußtsein hätte hiernach dies
Ineinssetzen wieder auf sich zu nehmen und von dem Dinge abzuhalten. Es
müßte also sagen, daß das Ding, insofern es für
sich ist, nicht für Anderes ist. Allein dem Dinge selbst kommt
auch das Einssein zu, wie das Bewußtsein erfahren hat; das Ding
ist wesentlich in sich reflektiert. Das Auch oder der
gleichgültige Unterschied fällt also wohl ebenso in das Ding
als das Einssein, aber, da beides verschieden, nicht in dasselbe,
sondern in verschiedene Dinge; der Widerspruch, der an dem
gegenständlichen Wesen überhaupt ist, verteilt sich an zwei
Gegenstände. Das Ding ist also wohl an und für sich, sich
selbst gleich, aber diese Einheit mit sich selbst wird durch andere
Dinge gestört; so ist die Einheit des Dings erhalten und zugleich
das Anderssein außer ihm sowie außer dem Bewußtsein.
Ob nun zwar so der Widerspruch des gegenständlichen Wesens an
verschiedene Dinge verteilt ist, so wird darum doch an das abgesonderte
einzelne Ding selbst der Unterschied kommen. Die verschiedenen Dinge
sind also für sich gesetzt; und der Widerstreit fällt in sie
so gegenseitig, daß jedes nicht von sich selbst, sondern nur von
dem anderen verschieden ist. Jedes ist aber hiermit selbst als ein
Unterschiedenes bestimmt und hat den wesentlichen Unterschied von den
anderen an ihm, aber zugleich nicht so, daß dies eine
Entgegensetzung an ihm selbst wäre, sondern es für sich ist
einfache Bestimmtheit, welche seinen wesentlichen, es von anderen
unterscheidenden Charakter ausmacht. In der Tat ist zwar, da die
Verschiedenheit an ihm ist, dieselbe notwendig als wirklicher
Unterschied mannigfaltiger Beschaffenheit an ihm. Allein weil die
Bestimmtheit das Wesen des Dings ausmacht, wodurch es von anderen sich
unterscheidet [103] und für sich ist, so ist diese sonstige
mannigfaltige Beschaffenheit das Unwesentliche. Das Ding hat hiermit
zwar in seiner Einheit das gedoppelte Insofern an ihm, aber mit
ungleichem Werte, wodurch dies Entgegengesetztsein also nicht zur
wirklichen Entgegensetzung des Dings selbst wird; sondern insofern dies
durch seinen absoluten Unterschied in Entgegensetzung kommt, hat es sie
gegen ein anderes Ding außer ihm. Die sonstige Mannigfaltigkeit
ist zwar auch notwendig an dem Dinge, so daß sie nicht von ihm
wegbleiben kann, aber sie ist ihm unwesentlich.
Diese Bestimmtheit, welche den wesentlichen Charakter des Dings
ausmacht und es von allen anderen unterscheidet, ist nun so bestimmt,
daß das Ding dadurch im Gegensatze mit anderen ist, aber sich
darin für sich erhalten soll. Ding aber oder für sich
seiendes Eins ist es nur, insofern es nicht in dieser Beziehung auf
andere steht; denn in dieser Beziehung ist vielmehr der Zusammenhang
mit Anderem gesetzt; und Zusammenhang mit Anderem ist das Aufhören
des Fürsichseins. Durch den absoluten Charakter gerade und seine
Entgegensetzung verhält es sich zu anderen und ist wesentlich nur
dies Verhalten; das Verhältnis aber ist die Negation seiner
Selbständigkeit, und das Ding geht vielmehr durch seine
wesentliche Eigenschaft zugrunde.
Die Notwendigkeit der Erfahrung für das Bewußsein, daß
das Ding eben durch die Bestimmtheit, wel che sein Wesen und sein
Fürsichsein ausmacht, zugrunde geht, kann kurz dem einfachen
Begriffe nach so betrachtet werden. Das Ding ist gesetzt als
Fürsichsein oder als absolute Negation alles Andersseins, daher
absolute, nur sich auf sich beziehende Negation; aber die sich auf sich
beziehende Negation ist Aufheben seiner selbst oder [dies,] sein Wesen
in einem Anderen zu haben.
In der Tat enthält die Bestimmung des Gegenstandes, wie er sich
ergeben hat, nichts anderes; er soll eine wesentliche Eigenschaft,
welche sein einfaches Fürsichsein ausmacht, bei dieser Einfachheit
aber auch die Verschiedenheit an ihm [104] selbst haben, welche zwar
notwendig sein, aber nicht die wesentliche Bestimmtheit ausmachen soll.
Aber dies ist eine Unterscheidung, welche nur noch in den Worten liegt;
das Unwesentliche, welches doch zugleich notwendig sein soll, hebt sich
selbst auf oder ist dasjenige, was soeben die Negation seiner selbst
genannt wurde.
Es fällt hiermit das letzte Insofern hinweg, welches das
Fürsichsein und das Sein-für-Anderes trennte; der Gegenstand
ist vielmehr in einer und derselben Rücksicht das Gegenteil seiner
selbst: für sich, insofern er für Anderes, und für
Anderes, insofern er für sich ist. Er ist für sich, in sich
reflektiert, Eins; aber dies für sich, in sich reflektiert,
Eins-Sein ist mit seinem Gegenteile, dem Sein für ein Anderes, in
einer Einheit und darum nur als Aufgehobenes gesetzt; oder dies
Fürsichsein ist ebenso unwesentlich als dasjenige, was allein das
Unwesentliche sein sollte, nämlich das Verhältnis zu Anderem.
Der Gegenstand ist hierdurch in seinen reinen Bestimmtheiten oder in
den Bestimmtheiten, welche seine Wesenheit ausmachen sollten, ebenso
aufgehoben, als er in seinem sinnlichen Sein zu einem Aufgehobenen
wurde. Aus dem sinnlichen Sein wird er ein Allgemeines; aber dies
Allgemeine ist, da es aus dem Sinnlichen herkommt, wesentlich durch
dasselbe bedingt und daher überhaupt nicht wahrhaft
sichselbstgleiche, sondern mit einem Gegensatze affizierte
Allgemeinheit, welche sich darum in die Extreme der Einzelheit und
Allgemeinheit, des Eins der Eigenschaften und des Auchs der freien
Materien trennt. Diese reinen Bestimmtheiten scheinen die Wesenheit
selbst auszudrücken, aber sie sind nur ein Fürsichsein,
welches mit dem Sein für ein Anderes behaftet ist; indem aber
beide wesentlich in einer Einheit sind, so ist jetzt die unbedingte
absolute Allgemeinheit vorhanden, und das Bewußtsein tritt hier
erst wahrhaft in das Reich des Verstandes ein.
Die sinnliche Einzelheit also verschwindet zwar in der dialektischen
Bewegung der unmittelbaren Gewißheit und wird [105]
Allgemeinheit, aber nur sinnliche Allgemeinheit. Das Meinen ist
verschwunden, und das Wahrnehmen nimmt den Gegenstand, wie er an sich
ist, oder als Allgemeines überhaupt; die Einzelheit tritt daher an
ihm als wahre Einzelheit, als Ansichsein des Eins hervor oder als
Reflektiertsem in sich selbst. Es ist aber noch ein bedingtes
Fürsichsein, neben welchem ein anderes Fürsichsein, die der
Einzelheit entgegengesetzte und durch sie bedingte Allgemeinheit
vorkommt; aber diese beiden widersprechenden Extreme sind nicht nur
nebeneinander, sondern in einer Einheit; oder, was dasselbe ist, das
Gemeinschaftliche beider, das Fürsichsein ist mit dem Gegensatze
überhaupt behaftet, d. h, es ist zugleich nicht ein
Fürsichsein. Diese Momente sucht die Sophisterei des Wahrnehmens
von ihrem Widerspruche zu retten und durch die Unterscheidung der
Rücksichten, durch das Auch und Insofern festzuhalten sowie
endlich durch die Unterscheidung des Unwesentlichen und eines ihm
entgegengesetzten Wesens das Wahre zu ergreifen. Allein diese
Auskunftsmittel, statt die Täuschung in dem Auffassen abzuhalten,
erweisen sich vielmehr selbst als nichtig, und das Wahre, das durch
diese Logik des Wahrnehmens gewonnen werden soll, erweist sich in einer
und derselben Rücksicht das Gegenteil zu sein und hiermit zu
seinem Wesen die unterscheidungs- und bestimmungslose Allgemeinheit zu
haben.
Diese leeren Abstraktionen der Einzelheit und der ihr entgegengesetzten
Allgemeinheit sowie des Wesens, das mit einem Unwesentlichen
verknüpft, eines Unwesentlichen, das doch zugleich notwendig ist,
sind die Mächte, deren Spiel der wahrnehmende, oft so genannte
gesunde Menschenverstand ist; er, der sich für das gediegene reale
Bewußtsein nimmt, ist im Wahrnehmen nur das Spiel dieser
Abstraktionen; er ist überhaupt immer da am ärmsten, wo er am
reichsten zu sein meint. Indem er von diesen nichtigen Wesen
herumgetrieben, von dem einen dem anderen in die Arme geworfen wird
und, durch seine Sophisterei abwechslungsweise jetzt das eine, dann das
gerade Entgegengesetzte festzuhalten [106] und zu behaupten
bemüht, sich der Wahrheit widersetzt, meint er von der
Philosophie, sie habe es nur mit Gedankendingen zu tun. Sie hat in der
Tat auch damit zu tun und erkennt sie für die reinen Wesen,
für die absoluten Elemente und Mächte; aber damit erkennt sie
dieselben zugleich in ihrer Bestimmtheit und ist darum Meister
über sie, während jener wahrnehmende Verstand sie für
das Wahre nimmt und von ihnen aus einer Irre in die andere geschickt
wird. Er selbst kommt nicht zu dem Bewußtsein, daß es
solche einfache Wesenheiten sind, die in ihm walten, sondern er meint
es immer mit ganz gediegenem Stoffe und Inhalte zu tun zu haben, so wie
die sinnliche Gewißheit nicht weiß, daß die leere
Abstraktion des reinen Seins ihr Wesen ist; aber in der Tat sind sie
es, an welchen er durch allen Stoff und Inhalt hindurch und hin und her
läuft; sie sind der Zusammenhalt und die Herrschaft desselben und
allein dasjenige, was das Sinnliche als Wesen für das
Bewußtsein ist, was seine Verhältnisse zu ihm bestimmt und
woran die Bewegung des Wahrnehmens und seines Wahren abläuft.
Dieser Verlauf, ein beständig abwechselndes Bestimmen des Wahren
und Aufheben dieses Bestimmens, macht eigentlich das tägliche und
beständige Leben und Treiben des Wahrnehmenden und in der Wahrheit
sich zu bewegen meinenden Bewußtseins aus. Es geht darin
unaufhaltsam zu dem Resultate des gleichen Aufhebens aller dieser
wesentlichen Wesenheiten oder Bestimmungen fort, ist aber in jedem
einzelnen Momente nur dieser einen Bestimmtheit als des Wahren sich
bewußt und dann wieder der entgegengesetzten. Es wittert wohl
ihre Unwesenheit; sie gegen die drohende Gefahr zu retten, geht es zur
Sophisterei über, das, was es selbst soeben als das Nichtwahre
behauptete, jetzt als das Wahre zu behaupten. Wozu diesen Verstand
eigentlich die Natur dieser unwahren Wesen treiben will, die Gedanken
von jener Allgemeinheit und Einzelheit, vom Auch und Eins, von jener
Wesentlichkeit, die mit einer Unwesentlichkeit notwendig verknüpft
ist, und von einem Unwesentlichen, [107] das doch notwendig ist, – die
Gedanken von diesen Unwesen zusammenzubringen und sie dadurch
aufzuheben, dagegen sträubt er sich durch die Stützen des
Insofern und der verschiedenen Rücksichten oder dadurch, den einen
Gedanken auf sich zu nehmen, um den anderen getrennt und als den wahren
zu erhalten. Aber die Natur dieser Abstraktionen bringt sie an und
für sich zusammen; der gesunde Verstand ist der Raub derselben,
die ihn in ihrem wirbelnden Kreise umhertreiben. Indem er ihnen die
Wahrheit dadurch geben will, daß er bald die Unwahrheit derselben
auf sich nimmt, bald aber auch die Täuschung einen Schein der
unzuverlässigen Dinge nennt und das Wesentliche von einem ihnen
Notwendigen und doch Unwesentlichseinsollenden abtrennt und jenes als
ihre Wahrheit gegen dieses festhält, erhält er ihnen nicht
ihre Wahrheit, sich aber gibt er die Unwahrheit.